Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Klappentext
Drei Jahrzehnte nach ihrem tragischen Tod öffnen sich nun endlich die Archive und geben Ingeborg Bachmanns persönlichste Gedichte preis. Trauer um ihre verlorengegangene Poesie und eine tiefe Sprachlosigkeit umfangen Ingeborg Bachmann in ihren privatesten Momenten. Sie, die in einem Atemzug mit den größten Lyrikerinnen der europäischen Moderne genannte werden muss, leidet an der Welt und verzweifelt an der Lieblosigkeit in ihr. Der Schmerz der Erkenntnis, der unstillbare Wunsch zu schlafen, Todessehnsucht, durchziehen leitmotivisch all jene Gedichte, die bis heute unter Verschluss gehalten wurden. Knapp dreißig Jahre nach ihrem Tod steht der aufsehenerregende Entschluss ihrer Geschwister, eine Seite von ihr zu offenbaren, ohne die das Bild von Ingeborg Bachmann nicht vollständig wäre.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.11.2000
"Besser als gar nichts", lautet das Urteil Franz Haas` zu den vorliegenden, aus dem Nachlass herausgegebenen Gedichten Ingeborg Bachmanns. So - zwischen verhaltener Begeisterung und Enttäuschung - schwankt der Rezensent. Nicht das Schlechteste ihrer Zeit seien "diese Gedichtfetzen", aber kein Vergleich zu dem zu Lebzeiten der Autorin Veröffentlichtem; "Urschleim für ihre zukünftige Prosa", "Melodram und Schwulst auf diesen konfusen Zetteln" mit Anzeichen von Dialog. So ist das wohl mit Nachlässen. Was Hass jedoch wirklich ärgert, ist die Editionspolitik der Nachlaßverwalter, "diese Schnäppchentaktik", wo eine kritische Gesamtausgabe fällig wäre. Er schimpft auch über den "nichtssagenden Anmerkungsteil" der Ausgabe und das Vorwort, dem es auf wenig mehr als einer Seite gelinge, geschwätzig zu sein. Aber, wie gesagt, besser als nichts.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.10.2000
Eine Liebeserklärung! Joachim Kaiser macht in seiner Kritik deutlich - vor allem für die jüngeren Leser -, dass Ingeborg Bachmann nicht irgendeine Dichterin war, sondern die "kapriziöse Prinzessin des Literaturbetriebs", eine große, visionäre Lyrikerin. Dies vorausgeschickt, zeigt er sich erschüttert, aber auch verlegen angesichts Bachmanns Hass und Verzweiflung, die sich hier eben auch oft in banalen, selbstmitleidigen und ungelenken Zeilen zeigt. Aber wie leidet er mit! Wie bewundert er bei einigen Gedichten den Versuch, den "glühenden Leidensrausch" zu beherrschen. "Zudem: diese Verzweifelte schreibt stets so tapfer wie rückhaltlos. Sie sagt wüst alles", und dann zitiert Kaiser ein paar wüste Zeilen. Unfreundliche Worte findet er allerdings für die Nachlass-Herausgeber - so hätte sich Kaiser eine Erklärung gewünscht, warum die Texte, die eigentlich bis 2025 gesperrt sind, nun doch veröffentlicht wurden. Er vermisst auch Anmerkungen und "erklärende Hinweise", die den Hintergrund dieser "106 heiklen Texte" erläutern. Statt dessen: "ganze 50 Zeilen Vorwort", ärgert er sich. "Als hätte Ingeborg Bachmann nicht unser aller sorgfältige Zuwendung verdient."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 05.10.2000
Neben fünf aus dem Band abgedruckten Gedichten hat die "Zeit" gleich zwei Rezensenten, nämlich Pro und Contra, zur Besprechung des Bandes eingeladen und dies als "`Zeit`-Kontroverse" apostrophiert. Reinhard Baumgart lässt sie für das Recht auf Veröffentlichung dieser "unautorisierten Gedichte aus dem Nachlass" argumentieren, während Peter Hamm den Part des entschiedenen Kritikers dieses Projekts übernommen hat.
Beide sind der Meinung, dass das hier Vorgelegte nicht die Qualität des "Soundnichtanders" der Bachmann`schen Lyrik erreicht. Vielmehr, so zitiert Baumgart die Herausgeber, Ingeborg Bachmanns Geschwister Heinz Bachmann und Isolde Moser, handelt es sich um "biografische Aufzeichnungen", die zu verorten sind in der Zeit ihres Zusammenbruchs nach der Trennung von Max Frisch. Eben weil die Gedichte als Gedichte "unfertig" sind, so Baumgart, geben sie Einblick in "Dreck und Not" einer Schriftstellerin, deren "akademische" Verehrer eben die Problematik des gelebten Lebens gern übersehen: eine "gute Kur" für alle, die "Literatur und Leben säuberlich trennen", urteilt Baumgart.
Peter Hamm dagegen nennt das Material aus dem Nachlass ein "enormes Elends- und Erregungspotenzial" und beklagt, dass die Leser durch die Veröffentlichung in die "erbärmliche Rolle von Voyeuren" gezwungen werden. Eine "ernsthafte Auseinandersetzung" habe die Bachmannschwester Isolde Moser jahrelang verhindert, auch ihm selbst Einsicht in Materalien verweigert. Jetzt bedient sie aus Gewinnsucht den Voyeurismus des großen Publikums, schimpft Hamm. Dass der Piper-Verlag ihr dabei behilflich ist, müsste verwundern, so Hamm - wäre es nicht derselbe Verlag, der auch Norman Finkelsteins Buch über die "Holocaust-Industrie" "eilfertig" verlege.
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