Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
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Klappentext
Mit einer Nachbemerkung von Felix Ensslin. Herausgegeben von Caroline Harmsen, Ulrike Seyer und Johannes Ullmaier. Anfang 1968, Gudrun Ensslin verlässt Bernward Vesper und zieht mit ihrem sieben Monate alten Sohn Felix zu Andreas Baader. Bald darauf brennen in Frankfurt zwei Kaufhäuser; Baader, Ensslin und Thorwald Proll werden als mutmaßliche Brandstifter verhaftet, Felix ist bei Vesper, die Geschichte der RAF nimmt ihren Lauf. In keinem anderen Dokument kommt man ihrer Entstehung so nah, wie in den hier erstmals vollständig veröffentlichten Briefen, die Vesper und Ensslin bis zu ihrer bedingten Freilassung und Flucht Mitte 1969 gewechselt haben. Nach allen Glorifizierungen und Pathologisierungen, Verflimungen und Deutungen besteht nun die Möglichkeit, sich am Original ein eigenes Urteil zu bilden, Epochales und Banales, Mythos und Historie unvoreingenommen zu sondieren und einen großen, tragischen Liebes-Brief-Roman zu entdecken, der zugleich Realität war.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.12.2009
Mit großem Interesse hat Ina Hartwig diese Briefe von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper gelesen, die sie im Aufmacher der Dezember-Beilage bespricht. Sie stammen vornehmlich aus der Zeit, als Ensslin wegen des Kaufhausbrandes im Gefängnis sitzt, ihren Lebensgefährten und Vater des gemeinsamen Kindes Felix hatte sie bereits für Andreas Baader verlassen. "Heißkalt" nennt Hartwig die Briefe in ihrer Mischung aus "Selbsterfüllung, Egotrip, Erotik und ideologischer Verhärtung", und sie kann dem Historiker Gerd Koenen nur zustimmen, der darin "Urszenen des deutschen Terrorismus" erkannt hat. Aber auch literarisch findet Hartwig die Briefe aufschlussreich: Vesper, dem Sohn des Nazi-Schriftstellers Will Vesper attestiert sie eine deutliche Begabung, bei Ensslin sieht sie vor allem ihre wechselhaften Stimmungen in stilistisches Wünschelrutengängertum umschlagen, sie schwanke ständig zwischen Innerlichkeit und Kollevbeschwörung, zwischen Härte und Genuss, zwischen der Absage an alle Konventionen und Mütterlichkeitseruptionen ("Knuff, puff, schmus das Pütsche-Monstre von der Mama"). Schließlich erkennt Hartwig mit diesem Briefwechsel, mit welcher Lust die RAF "Sexus, Gewalt und Praxis" vereinte, und darin auch die "Pervertierung der deutschen Romantik im Hass".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.11.2009
Ein Dokument von hoher Intensität erblickt Gerd Koenen, Historiker und Autor des Buchs "Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus", in der nun vorliegenden Korrespondenz von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper. Die Edition der Briefe aus dem Jahr 1968 und 69 lobt er als "mustergültig". Mutet der editorische Aufwand vielleicht auch etwas übertrieben an, so scheint er Koenen durchaus gerechtfertigt, kann man den Briefwechsel seines Erachtens doch als eine "Art Briefroman von literarischer Qualität" lesen. Zugleich sieht er darin ein "exemplarisches deutsches Familiendrama" und nicht zuletzt ein Zeitdokument, das die sich abzeichnende Perversion von hehren Zielen eindrucksvoll vor Augen führt. Stellenweise wird für ihn schon etwas von der "Vorhölle jener halb-psychotischen Welt der Stammheimer RAF-Kassiber" spürbar. Beeindruckt hat ihn auch die Nachbemerkung Felix Ensslins, dem von Gudrun Ensslin zurückgelassenen Sohn, der seine Eltern nie kennengelernt hat.
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