Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Klappentext
Rumänien 1945: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Die deutsche Bevölkerung lebt in Angst. "Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15º C." So beginnt ein junger Mann den Bericht über seine Deportation in ein Lager nach Russland. Anhand seines Lebens erzählt Herta Müller von dem Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen. In Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden hat sie den Stoff gesammelt, den sie nun zu einem großen neuen Roman geformt hat. Ihr gelingt es, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info):
Herta Müllers Atemschaukel - Leseprobe bei Hanser
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2009
"Ein Meisterwerk." Dies die letzten, entschiedenen Worte der Rezension von Michael Lentz. Ein Werk, das historische Wirklichkeit und Erinnerung kompromisslos zu Literatur macht, fernab, so Lentz, von allem "naiven Abbildrealismus". Ein Werk, das Herta Müller mit ihrem Kollegen Oskar Pastior, der vieles, was hier beschrieben, erlebt hat, gemeinsam zu schreiben geplant hat. Nach Pastiors Tod hat sie, auf seine mündlichen Erinnerungen gestützt, dies Buch selbst verfasst. Und es ist, betont Lentz, auf absolut überzeugende Weise vieles zugleich: Zum einen der fiktive autobiografische Bericht des Leo Auberg, der den Aufenthalt im ukrainischen Konzentrationslager Nowo-Gorlowka überlebt hat. Mit immenser poetischer Kraft verstehe Müller noch das konkreteste Elend in Sprache zu fassen. Die Erfahrung des Hungers in allererster Linie, und zwar auch und gerade als etwas, das jede Empathiefähigkeit übersteigt. In der Aufteilung in einen (wiederum: fiktiv) diktierten Nachwortteil und die erzählerische Ausschrift dieses "Diktando" gelinge zugleich etwas, das auch Pastior immer wieder gelang: "Poesie und Poetik in einem". Restlos überzeugt zeigt sich der Rezensent von diesem für seine Begriffe großen und wichtigen Buch.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.08.2009
Andrea Köhlers Kopf ist gefüllt mit Bildern aus den sowjetischen Arbeitslagern, die das Lesen von Herta Müllers "Atemschaukel" in ihr projiziert hat. Detailliert beschreibe die Autorin das Grauen in den Gulags, die Kälte und den Hunger der Arbeiter, zu denen auch Müllers Mutter gehörte. Für die an sich unbeschreibbaren Qualen finde die Autorin eine Sprache, die manchmal etwas zu poetisch sei, aber genau dadurch zu den nüchternen, schrecklichen Tatsachen "visionäre Dimensionen" beisteuere, die die Vorstellung in unseren Köpfen erst möglich mache. Obwohl Müller nicht selbst in einem der Lager war, sondern sich vor allem auf die Erinnerungen des Lyrikers Oskar Pastior stützt, gelinge ihr die Darstellung des "Grauens aus zweiter Hand" besonders eindrucksvoll, lobt die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.08.2009
Rezensent Christopher Schröder hält diesen Roman um die Deportation von Rumäniendeutschen in sowjetische Arbeitslager nach 1945 und den Horror des Lagerlebens, zumindest als "literarisches Kunstwerk", für "misslungen". Zwar hat sich Müller in Romanen wie "Herztier" und "Der Fuchs war damals schon der Jäger" seines Erachtens als eine der "sprachmächtigsten" Autorinnen der Gegenwart erwiesen. In "Atemschaukel" aber kommt ihm ihre Sprache vor wie ein "falsches Kleidungsstück, das jemand sich übergeworfen hat". Einen Satz über den Hunger im Lager zitierend hält Schröder der Autorin "blanken Entbehrungskitsch" vor. Ein wenig scheint er sein harsches Urteil allerdings zu relativieren. Immer dann nämlich, wenn die Sprache sich zurücknehme und lakonisch werde, sieht er in dem Werk ein "starkes Buch". Und er spricht von einer kunstvollen Choreografie der Motivebene, die auf ihn andererseits dann doch wieder "deutlich überinstrumentiert" wirkt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.08.2009
Grundsätzlich findet Ina Hartwig Herta Müllers neuen Roman über die Deportation der Rumäniendeutschen in russische Arbeitslager "beeindruckend". Gleichwohl zeigt Hartwig ambivalente Gefühle gegenüber der "poetischen Schutzschicht", die Müller um die Wörter hüllt. Jedes Wort, so Hartwig, erhalte eine "Extrabedeutung" und diese mache den eigentlichen Kern des Romans aus, der nach Hartwigs Meinung keineswegs historisch ist. Denn "Atemschaukel" grabe nicht in der Vergangenheit, um sie zu verstehen, sondern versuche vielmehr inmitten der "Erniedrigung aller die Würde des einzelnen" zu finden. Und um dem Hauptprotagonisten eben jene Würde zukommen zu lassen, verwendet die Autorin lyrische Eigenkreationen wie "Hungerengel", "Herzschaufel", "Eigenbrot" und "Atemschaukel". Die Rezensentin stört sich nicht daran, dass Müller die biografischen Fakten ihres verstorbenen Freundes Oskar Pastior poetisch umsponnen hat, das sieht sie vielmehr als "Hommage" an eine Freundschaft und als Zusammenspiel einer sprachlich "kongenialen Nähe". Hartwig entlässt den Leser mit dem Fazit, dass "Atemschaukel" nicht jedermanns Wahrnehmung widerspiegelt, sieht das aber als positiven Anreiz und den Roman deshalb als "schwierig schönes Geschenk".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.08.2009
Einen Graben hat Herta Müllers Roman "Atemschaukel" offenbar durch die Redaktion der Zeit gezogen. Während Iris Radisch ihn als parfümiert und für seine "schaurig-schöne", aber unverbindliche Virtuosität schmäht, sieht Michael Naumann ihn als ein Meisterwerk an, das ihm schier den Atem geraubt hat. Müller erzählt darin die Geschichte der Deportation der Rumäniendeutschen in sowjetische Arbeitslager nach 1945. Begonnen hat sie diese Arbeit zusammen mit dem Dichter Oskar Pastior, der selbst fünf Jahre lang durch diese Hölle ging und 2006 im Laufe der gemeinsamen Arbeit verstarb. Naumann berichtet bewegt und beeindruckt von dieser "Chronik des ewigen Hungers", denn, so erkennt er als Logik aus diesem Bericht: "Wer für Nichts verurteilt wurde, muss auch nichts essen." Das Nichts bestehe in dieser "Hautundknochenzeit" meist aus Kartoffelschalen, Gras, und Unkraut. Erschüttert liest der Rezensent den Roman auch als Dokument der Einsamkeit, aber auch als Zeugnis der literarischer Empathie und der poetischen Genauigkeit. Was ihn aber am meisten für den Roman einnimmt, ist, wie großartig Herta Müller die selten gewordene Form der "dichterischen Empörung" beherrscht.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.08.2009
In der über Herta Müllers Roman "Atemschaukel" gespaltenen Zeit-Redaktion übernimmt es Iris Radisch, den Roman scharf zu attackieren (während ihn Michael Naumann als atemberaubendes Meisterwerk literarischer Empathie und dichterischer Empörung preist). Radisch kann in dem Werk keinerlei Kraft entdecken, nur schale Versuche, den Gulag poetisch zu überhöhen. Ein Hauptproblem besteht für Radisch darin, dass Müller die Erfahrungen Dritter verarbeitet, die ihrer eigenen Mutter und vor allem des Dichters Oskar Pastior, die wie alle Rumäniendeutschen zwischen 17 und 45 Jahren nach 1945 in sowjetische Arbeitslager deportiert wurden. "Gulag-Romane lassen sich nicht aus zweiter Hand schreiben", meint Radisch, die sich vor allem an der ihrer Meinung nach abgeschmackten Lyrik Müllers stört, deren Vokabular ("Hungerengel") und Vorliebe für Vergleiche sie dem 19. Jahrhundert zuschreibt. In der von Müller evozierten "schaurig-schönen Traurigkeit" sieht Radisch eine unernste, "unverbindliche Virtuosität" und grenzt die Autorin scharf gegen den poetischen Humanismus eines Primo Levi, Imre Kertesz und Warlam Schalamow ab (der von der deutschen Kritik aber auch erst 30 Jahre nach seinem Tod entdeckt wurde!).
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.08.2009
Herta Müllers Roman "Die Atemschaukel" über die Deportation der Rumäniendeutschen in sowjetische Arbeitslager nach 1945 hat Rezensent Karl-Markus Gauß zutiefst beeindruckt. Er würdigt es als das "beste Buch" der Autorin, als "erschütternden Roman" und "verstörendes Meisterwerk". Mit Bewunderung spricht er vom Mut und von der Sprachkraft Müllers, von der "bildstarken" Sprache, die sie für die Erniedrigung und Entwürdigung findet, den allgegenwärtigen Hunger und die Schinderei der Abertausenden von verschleppten Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, die in der sowjetischen Steppe zur Zwangsarbeit gezwungen wurden. Er liest den auf Gesprächen mit Deportierten aus ihrem Dorf und insbesondere mit dem 2006 verstorbenen Dichter Oskar Pastior basierenden Roman als überzeugenden Versuch, aus dem "Inneren der Hölle" zu sprechen. Die Autorin zeigt für Gauß eindringlich die Umformung von Individuen in "Lagerwesen". Über das Schicksal der Rumäniendeutschen sei lange geschwiegen worden. "Dieses Schweigen ist nun gebrochen worden", resümiert der Rezensent, "in einem kühnen Sprachkunstwerk, das seinesgleichen sucht in der europäischen Literatur unserer Zeit."
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