Im Unterschied zu den beiden Klassikern der deutschen Literatur verschärft Hölderlin seine Dichtung im Rhythmischen. So wurde die metrisch fixierte Elegie "Der Wanderer" erstmals in den "Horen" abgedruckt – aber rhythmisch von Schiller auf Anraten Goethes "korrigiert". Die später nochmals publizierte Fassung zeigt, dass Hölderlin die metrische Form nicht einfach als Behälter des dichterischen Ausdrucks ansieht, sondern auf dessen Eigenheiten insistiert. Er nutzt den Variantenreichtum antiker Vorlagen mit Sorgfalt und setzt gezielt Differenzen zwischen vorgegebenem Metrum und sprachlichem Rhythmus ein, um das Gedicht selbst zum Gegenstand des Beschriebenen werden zu lassen. Diese rhythmisch-metrische Differenzen sind der Ausgangspunkt dieses Buchs. Im Zentrum steht die Frage, wie Hölderlin zum freien Rhythmus in seinen Gesängen findet und wie dieser rhythmische Mehrwert hermeneutisch erfasst werden kann. Nach exemplarischen Analysen von Übergangsformen (Oden, Chorübersetzungen, "Nachtgesänge"), konzentriert sich Previsic auf alle großen Gesänge, die in (nahezu) abgeschlossener Gestalt überliefert sind: "Die Wanderung", "Germanien", "Der Rhein", "Friedensfeier", "Patmos" und "Der Einzige". Hölderlins Entwicklung lässt sich demnach als eine metrische Dekomposition beschreiben.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.05.2009
Als "hochgradig differenzierte" Untersuchung zu "Hölderlins Rhythmus" würdigt Rezensent Manfred Koch diese Züricher Dissertation von Boris Previsic. Beeindruckt haben Koch die Beschreibung von Hölderlins Anverwandlung der griechischen Metren in seinen Oden, Elegien und Übersetzungen sowie die minutiöse Analyse metrischer und rhythmischer Muster in den Gesängen "Germania", "Die Wanderung", "Der Rhein", "Friedensfeier", "Patmos" und "Der Einzige". Koch hebt hervor, dass diese Gedichte im Anhang zu finden sind, zusammen mit Previsics Vorschlag, wie man sie zu lesen habe. Hier scheinen ihm zwar Einwände möglich. Gleichwohl ist in seinen Augen klar: für jede künftige Kontroverse über Hölderlins Rhythmus muss gelten: "Ihr einheitlicher Bezugspunkt bleibt dieses Buch, das sich erstmals auf das Wagnis einer detaillierten Vermessung der späten Gedichte eingelassen hat."
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