Für Karl Dedecius, den überragenden Mittler polnischer Literatur in Deutschland, stand stets die Lyrik im Zentrum seiner übersetzerischen Arbeit. Von den Nobelpreisträgern Wislawa Szymborska und Czeslaw Milosz, von Tadeusz Rozewicz und Zbigniew Herbert bis zu Adam Zagajewski und Ryszard Krynicki hat er die wichtigsten Dichter der zweiten Jahrhunderthälfte entdeckt. Die ersten Autoren, die er in den fünfziger Jahren zugänglich machte, waren seine Altersgenossen, die im Krieg gegen die Deutschen umgekommen waren. Als Summe seines Lebens hat Dedecius nun die Gedichte des 20. Jahrhunderts versammelt, die er für die bedeutendsten, die bleibenden hält. Nicht zufällig lesen sie sich wie ein Geschichtszeugnis dieser für die Polen so dramatischen und tragischen Epoche. Kein polnischer Dichter konnte es je beim Gespräch über Bäume bewenden lassen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2009
Stefanie Peter bietet diese zweisprachige Lyrik-Anthologie viel mehr als einen Einblick in die Königsgattung der polnischen Literatur. Den Herausgeber Karl Dedecius lobt sie als einen großen Übersetzer und Kulturvermittler, weil dem Leser das Gefühl erspart, er müsse den Staub von den Seiten blasen. Peter staunt über die - häufig in Erstübersetzung - versammelten vielen Neuentdeckungen, Maria Pawlikowska-Jasnorzewska etwa mit ihren "pointierten Miniaturen" oder Antoni Slonimski. Was Dedecius aus der Zeit vom Fin de Siecle bis in die jüngste Vergangenheit für den Leser an Schätzen ans Licht bringt, führt die Rezensentin oft mitten hinein in ein ganzes Geflecht an Verbindungen zwischen Autoren (zum Beispiel zwischen Waclaw Rolicz-Lieder und Stefan George). Der Band offenbart ihr schließlich ein ganzes Jahrhundert der Poesie, an dem sich der Wandel der polnischen Sprache und weiter der eines ganzes Landes nachvollziehen lässt.
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