Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Literaturbeilagen
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Klappentext
Ein Mann kauft ein Mobiltelefon und bekommt Anrufe, die einem anderen gelten; nach kurzem Zögern beginnt er ein Spiel mit der fremden Identität. Ein Schauspieler wird von einem Tag auf den nächsten nicht mehr angerufen, als hätte jemand sein Leben an sich gerissen. Ein Schriftsteller macht zwei Reisen in Begleitung einer Frau, deren größter Alptraum es ist, in einer seiner Geschichten vorzukommen. Ein verwirrter Internetblogger wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal Romanfigur zu sein. Eine Krimiautorin geht auf einer abenteuerlichen Reise in Zentralasien verloren, eine alte Dame auf dem Weg in den Tod hadert mit dem Schriftsteller, der sie erfunden hat, und ein Abteilungsleiter in einem Mobiltelefonkonzern verliert über seinem Doppelleben zwischen zwei Frauen den Verstand. Neun Episoden, die sich nach und nach zu einem romanhaften Gesamtbild ordnen, ein raffiniertes Spiel mit Realität und Fiktionen: ein Spiegelkabinett.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.01.2009
"Kein schwergewichtiger Roman, sondern eine genialische Fingerübung" schreibt - und zwar ziemlich euphorisch - Rezensent Andreas Breitenstein über Daniel Kehlmanns neues Buch. Man sieht beim Lesen dann auch förmlich die Rezensentenhoffnungen auf ein "opus magnum" dieses "stupenden Autors" keimen. Denn für Breitenstein zielt "Ruhm" auch als Literaturparodie mitten in das Herz der Gegenwart, da hier ein "substanzielles Thema" verhandelt werde, nämlich der "Identitätszerfall zeitgenössischen Daseins" durch seine "medientechnische Aufrüstung". Der Rezensent sieht diese raffiniert ineinander verschachtelten Geschichten außerdem vor Raffinement strotzen. Kehlmann scheine alles zu können, schreibt er, listet atemlos die handwerklichen Highlights von der "messerscharfen Pointe" bis zum "Running Gag", vom "saloppen Dialog zur eleganten Prosa, vom hohen Stil zum Gestammel der Eigentlichkeit" auf und liegt auch dem Nicht-Erzähler und Kehlmann-Alter-Ego im Buch zu Füßen, den er zwischen "Herrgott und Witzfigur" angelegt findet.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.01.2009
Heinrich Detering denkt gar nicht daran, an Daniel Kehlmanns so ganz anders als der Vorgänger geartetem neuen Buch "Ruhm" etwas auszusetzen zu haben. Nein, er findet es - ohne Abstriche, wie es scheint - großartig. Eine ganz raffiniert verspiegelte Erzähl- und Reflexionsmaschine habe Kehlmann aus seinen neun miteinander komplex verwobenen Einzelerzählungen da gebaut. Und keinesfalls dürfe man den Begriff "Maschine" hier irgend negativ verstehen, denn zur "Virtuosität", die Detering unbestreitbar scheint, geselle sich eben doch Entscheidendes mehr. Der Rückgriff auf große Fragen von "Zufall" und "Schicksal" zum Beispiel, dies aber nie plump, sondern stets auf der Ebene der ganzen Autorschafts- und Erzählkonstruktion. Detering führt das bis ins einzelne aus und greift gegen Ende mit der Nennung von Namen wie Pynchon, Nabokov oder Salinger wild entschlossen zum Äußersten. Dass das zu allem Überfluss auch noch "unverschämt unterhaltsam" sei, fügt er hinzu.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.01.2009
Was Rezensent Dirk Knipphals diesem neuen Roman von Daniel Kehlmann positiv anrechnet, ist das "Spieler- und Zockerhafte seines Schreibansatzes". Absolut verständlich und sympathisch ist ihm, dass Kehlmann nicht an das erzählerische Erfolgrezept seines Megaweltbestseller "Die Vermessung der Welt" anknüpft, um nicht, so deutet es Knipphals zumindest, Zeit seines Lebens auf einen Roman reduziert zu werden. Als Plus verbucht Knipphals auch die Fähigkeit zum Kabinettstückchen, wobei er dies schon einschränken muss, um dann zu den Negativa zu kommen: Die Kabinettstückchen funktionieren, meint Knipphals, vor allem Kosten der eigenen Figuren. Einen solchen Witz findet Knipphals billig. Zur schlechten Laune des Rezensenten haben des weiteren vordergründige Konstruktionen, oberflächliche Figurenzeichnungen sowie die Schurigelei des Lesers gesorgt. Und ganz schlimme Sexszenen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.01.2009
Lothar Müller holt weit aus, um Daniel Kehlmann erst einmal über den grünen Klee zu loben. Kehlmann, findet er, ist ein erstklassiger Autor, wenn er Theorien in Erzählstoffe verwandelt, unterhaltsame Dialoge formt und seine Figuren leichthändig durch haarsträubende Plots schickt. Die neun miteinander verbundenen Erzählungen jedoch, die Kehlmann "auf der Höhe seines Ruhms" vorlegt, fügen sich für Müller nicht zu einem Roman. Laut Müller liegt das daran, dass die hier agierenden Figuren ihrem Autor gegenüber keine Geheimnisse haben und Kehlmann es sich diesmal mit der Theorie (es geht um moderne Kommunikationstechnologien) zu einfach macht. Dabei kann Müller den Texten ganz gut folgen. Zu gut womöglich, denn Charakter kann er bei den Figuren nicht erkennen, und die Verrätselung, vom Autor mit Aufwand betrieben, wie es heißt, verpufft und hinterlässt allenfalls Abwatsch-Figuren und, so Müller, beim Leser leider gerade keine offenen Fragen. So, ohne Dichte oder Atmosphäre, möchte der Rezensent das Buch lieber nicht als bedeutenden Roman bezeichnen. Höchstens als logisch verkettete Geschichten eines um keinen Einfall verlegenen Autors - ohne Dämonen und ohne Abgründe.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.01.2009
Nicht ganz schlüssig scheint sich Ina Hartwig zu sein, ob sie das Buch mit seinem "altmodischen Menschenbild" und seiner ebenso wenig modernen Wortwahl nun bieder finden soll oder beruhigend. Zunächst einmal freut sie sich, dass das "Staatsgeheimnis" um Daniel Kehlmanns neuen Roman gelüftet ist. Doch muss sie bald feststellen: Es handelt sich gar nicht um einen Roman, in dem es um Ruhm geht, sondern um neun mittels Motivgeflechten und Figurennetzen verquickte Geschichten, die allenfalls die Komik des Ruhms verhandeln. Unwillig, von einem Roman zu sprechen, ist Hartwig, weil die erwähnten Verknüpfungen, wie sie schreibt, äußerlich und die Figuren ohne Tiefe bleiben. Das hindert sie allerdings nicht, Vergnügen daran zu finden, die Verbindungen zu entschlüsseln und Kehlmann als behenden Jongleur des Plotprinzips dramatisch zugespitzter technischer Pannen und Identitätstaumeleien zu preisen. Möglicherweise jedoch hatte der Autor bei der Arbeit noch ein bisschen mehr Spaß als die Rezensentin beim Lesen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.01.2009
Enttäuscht klingt Rezensent Jochen Jung nach der Lektüre von Daniel Kehlmanns neuem Roman. Zwar hat er beim Lesen immer wieder mit höchstem Vergnügen dessen virtuosen Erzähl- und Verschachtelungskünsten zugeschaut, und auch das Vergnügen des "allmächtigen und allgegenwärtigen” Erzählers am Ausreizen seiner Souveränität genossen. Schön, wie ihm hier die ganze technische Seite des Erzählens vorgeführt werde, freut sich der Rezensent also, der aber dann vergeblich darauf wartet, dass zum kunstvollen Skelett der Erzählung (welches ihm mitunter allerdings fast ein wenig demonstrativ und ausgedacht vorkommt) auch ein wenig Fleisch kommt. Am Ende ist für ihn aus dieser Geschichte um ein Mobiltelefon, das ein Schrifsteller kauft und vom ersten Anrufer sogleich für einen anderen gehalten wird, nur ein ”hübsch gemusterter, nicht ungeschickt gewobener Tepppich” geworden, der zu seinem größten Bedauern aber nicht fliegen kann.
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