Vor uns entsteht ein völlig neuer Kafka: ein Gesellschaftskrieger, der unablässig um seine Beheimatung im Assimilationsprozess ringt, der weiterhin in den ersten Jahren als überzeugter Beamter seiner Prager Behörde an der Verbesserung der Donaumonarchie intensiv mitgearbeitet hat, was in sämtlichen bisherigen Biografien nicht ins rechte Licht gestellt wurde. Es erscheint ein Liebender, dessen zahlreiche Affären hier zum ersten Mal zusammengestellt und überhaupt erst um die wichtigsten ergänzt werden, Liebesverhältnisse, die eben nicht ohne weiteres mit den Namen Felice und Milena erschöpfend benannt sind. Bernd Neumanns umfassende Biografie berücksichtigt den letzten Stand der Kafka-Forschung ebenso wie die neuesten Erkenntnisse über Kafkas Leben und Sterben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2008
Zum 125. Geburtstag ein neuer Kafka? Friedmar Apel ist skeptisch. Was Bernd Neumann in seinem Buch an "hochwichtigen" Thesen und "vulgärpsychologischen" Diagnosen auffährt, hätte der Rezensent allerdings kaum für möglich, erst recht nicht für nötig gehalten, wie er verärgert notiert. Die vom Autor bemühten Analogien, die Kafka als Zeitgenossen der damaligen Prager Wirklichkeit zeigen sollen, scheinen dem Rezensenten allerdings eher der Gerüchteküche zu entstammen. Die bisherige Kafka-Deutung übertrumpft der Autor nach Apels Dafürhalten am ehesten noch mit seinem "Mythen- und Metapherngestöber". Die wenigen subtilen Deutungen verschwinden hinter der "Qual" der Lektüre von Neumanns "vollmundigen Sentenzen" und seiner "überheblichen" Sicht auf die Kafka-Forschung. Dass der Band auch "handwerklich ein Desaster" ist und laut Apel offenbar ohne Lektorat zustande kam, macht das Ärgernis für den Rezensenten komplett.
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