Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
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Klappentext
Die "Geschichte eines Deutschen" erzählt die ersten drei Lebensjahrzehnte eines klugen und konsequenten Mannes. Es ist die Geschichte eines Jungen aus bürgerlicher Familie, der den Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Zerstörung seines Ferienidylls empfindet. Die galoppierende Inflation 1923 mit ihren jugendlichen Aktienspekulanten und hilflosen Vätern, ihrem Januskopf von Hunger und Verschwendung ist für Sebastian Haffner der Inbegriff einer aus den Angeln gehobenen Welt. Zehn Jahre später tritt er, weder politisch noch rassisch verfolgt, den langen Weg ins Exil an, schlicht weil die Nazis seiner "Nase nicht paßten". Haffner zählte nach dem Krieg zu den herausragenden Journalisten und Publizisten. Sein Name steht beispielhaft für eine demokratische, unbestechlich liberale Gesinnung, für einen unprätentiösen, dabei äußerst eleganten und kunstvollen Stil. Diese Aufzeichnungen entstammen dem unmittelbar Erlebten und können als bedeutendster Fund in Haffners Nachlaß nun erstmals veröffentlicht werden. Dies ist nicht nur die "Geschichte eines Deutschen", es ist die Geschichte eines aufrechten Deutschen - und das macht dieses Leben und diesen Text kostbar.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.10.2000
An Sebastian Haffners Erinnerungen der Jahre 1914-1933 rühmt Elke Schubert vor allem die Hellsichtigkeit in bezug auf das Wesen des Nationalsozialismus. Besonders beeindruckt zeigt sich die Rezensentin in diesem Zusammenhang von Haffners Gespür für die "Auslöschung des Privaten als etwas nahezu Obszönem zugunsten eines von der Öffentlichkeit durchdrungenen Lebens" und von der Veranschaulichung verschiedenster Einstellungen und Einschätzungen zum aufstrebenden Hitler, die Haffner durch die Beobachtung von Freunden und Verwandten gelingt. Gar nicht einsichtig ist ihr dagegen, wieso dieses "persönlichste Buch" Haffners, das die Biographie seines Autors in atmosphärisch dichten Schilderungen mit den Zeitläufen verbinde, erst jetzt publiziert wird.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.09.2000
Haffners autobiografische Erinnerungen stammen aus dem Nachlass, und darin sieht Martin Meyer wohl auch den Grund, dass der Bericht von den Jahren 1914 bis 1933, dem Jahr der Emigration des Historikers, gegen Ende an Geordnetheit verliert. Niedergeschrieben hat Haffner seine Erinnerungen im Londoner Exil im Jahr 1939. Schon damals ging es ihm nicht nur darum, anschaulich zu erzählen, was ihm Meyer zufolge überzeugend gelingt, sondern zugleich den Aufstieg des Nationalsozialismus genauestens zu analysieren. Meyer berichtet, wie Haffner nüchtern an der eigenen Person das emotionale Vakuum exemplifiziert, in das ihn die kindliche Kriegsbegeisterung getrieben hat, wie er sich daraufhin in die Welt der Bücher stürzte und zunehmend in inneren Gegensatz zur nationalistischen Umwelt geriet. Meyer zitiert Haffner mit einer bemerkenswerten Sentenz: Jede Erziehung gelte letztlich für die vorangegangene Epoche. Sie bereite nicht vor, sondern hole nach. Im übrigen merkt Meyer an, dass er den liegengebliebenen Erinnerungen einen philologischen Kommentar zur Seite gewünscht hätte.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.09.2000
Bereits als 32-Jähriger, schreibt Volker Ullrich, verfasste der Journalist und Schriftsteller im englischen Exil diesen ersten Rückblick auf die Jahre zwischen dem Beginn des Ersten Weltkriegs und 1933. Publiziert war er, bis auf einen kurzen Ausschnitt 1983 im "Stern", bisher nicht. Volker Ullrich betont als besonders aufschlussreich und lesenswert die Mischung aus subjektiver Stimmung und objektiver Geschichtsschreibung, die dem jungen Juristen und zukünftigen Schriftsteller hier zu einem "fulminanten Debüt" wurde, ohne dass ihm das wohl bewusst gewesen sei. Zum "Kernthema" des Buches wird so "die Anfälligkeit der zwischen 1900 und 1910 Geborenen für die Verführung" des Nationalsozialismus". Im Verlaufe seiner Besprechung, im beschreibenden Nachvollzug des Buches, kommt Ullrich zu dem Schluss, dass dieses erste Buch Haffners "vielleicht sein bestes überhaupt" gewesen ist.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 05.09.2000
Nach mehr als 60 Jahren erscheinen diese Erinnerungen des später zu Ruhm gekommenen Publizisten erstmals, und sie erweisen sich, so der Rezensent Klaus Bittermann, als "beeindruckendes und herausragendes zeitgeschichtliches Dokument". Haffner analysiert die Psychologie des deutschen Volkes der zwanziger Jahre und entdeckt nicht zuletzt im "Sportfimmel" der Zeit einen ersten Hinweis auf späteren "Massenwahn". Hitler wird als so lächerliches wie faszinierendes Monstrum beschrieben und dies ebenso an der eigenen Biografie gespiegelt wie das Eindringen der Ideologie in den Alltag. Darin zeige sich, so der Rezensent, der "eigentliche Triumph des Nationalsozialismus: die Vernichtung des Privaten".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2000
Franziska Augstein preist das Buch als hellsichtige Analyse, die heute noch, trotz der zahllosen soziologischen und historischen Studien, "unerreicht" ist. Die bereits 1939 geschriebenen Erinnerungen, die sich im Nachlass des Autors befunden haben, machten das Entstehen des Nationalsozialismus begreiflich, so die Rezensentin beeindruckt. Der Autor beweise in seiner Diagnose der Zeit eine bemerkenswerte "Einfühlungsgabe" und mache nicht zuletzt die psychische Disposition der Deutschen nachvollziehbar, die sie der Diktatur in die Arme trieb. Haffners Erklärungen sind Augstein so einsichtig, dass sie sich fragt, wie es überhaupt zu Widerstand in der deutschen Bevölkerung kommen konnte. Manche Bücher sind "zu wahr, um gedruckt zu werden", meint Augstein und vermutet, dass die Erinnerungen wohl deshalb erst jetzt veröffentlicht wurden.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.08.2000
Sebastian Haffners Erstlingswerk wird nun aus dem Nachlass erstmals veröffentlicht - und es ist, in der kurzen und bündigen Zusammenfassung des Rezensenten Johannes Willms, "eine fesselnde, aufschlussreiche und informative Lektüre". Die unerwartet persönliche Schilderung der 10er und 20er-Jahre zeige, stellenweise wenigstens, schon ganz die von Haffner gewohnte Präzision und Hellsichtigkeit. Die Frage, wie der Mangel an "Zivilcourage" angesichts der heraufziehenden braunen Gefahr zu erklären sei, stellt sich nach der Lektüre dieses Buches nur noch dringlicher, so Willms.
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