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Silvia Bovenschen
Verschwunden
Klappentext
Ein Freundeskreis, ein fester Kern, einige lose Bekannte. Von ihnen allen lässt sich Daniela Geschichten vom Verschwinden erzählen. Gustav erzählt ihr von einer Frau, die auf offener Strecke aus dem Zug steigt, Josepha vom Riesen auf einer Nordseeinsel, eine nervöse Dame beichtet einen Anschlag auf das Christkind, und Olga ist verzweifelt, weil in ihrer Wohnung eingebrochen wurde, man hat ihr den Laptop gestohlen, nun ist alles weg, ihre Adressen, ihre Mails, alle ihre Aufzeichnungen. Auch die Beamten der Spurensicherung glauben an die Endgültigkeit dieses Verschwindens. Konrad erzählt von Isolde, deren neuer Freund, in den sie sich so sehr verliebt hatte, plötzlich und ohne Ankündigung vom Erdboden verschluckt zu sein scheint. Daniela kommt nicht mehr hinaus in die Welt, ist also angewiesen auf die Erlebnisse anderer. Oder ist das vielleicht nur ein Vorwand? Versucht Daniela in Wahrheit mit den Geschichten vom Verschwinden gegen das Verschwinden anzukämpfen? Denn nichts ist unheimlicher als die Lücke, die jemand hinterlässt, der verschwindet. Bald reden und schreiben alle nur noch vom Verschwinden. Das hat Daniela erreicht. Mit radikalen Auswirkungen.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.05.2008
Für Andrea Köhler verwischen in ihrer Besprechung von Silvia Bovenschens "Verschwunden" die Grenzen zwischen Autorin und Erzählerin. Die an multipler Sklerose erkrankte Schriftstellerin findet sie in Daniela Listmann wieder, der Frau, die in diesem Buch ihre Freunde dazu bringt, ihr Geschichten vom Verschwinden zu erzählen, kleinen Verlusten und großen. Eine wie Bovenschen an ihre Wohnung 'gefesselte' Frau wird zur Sammlerin von Geschichten, bei denen es nicht auf Authentizität im Sinne eines "wie es wirklich war" ankommt. Nach Köhlers Meinung ist der Literaturwissenschaftlerin Bovenschen damit ein großer Wurf gelungen, ein "gewitztes Spiel mit dem Verschwinden der eindeutig identifzierbaren Rede" und zugleich eine Antwort auf den grassierenden Biografismus (den die Rezensentin in ihrer Gleichsetzung von Autor und Erzähler keineswegs konsequent unterläuft). Nie wird klar, wer genau spricht. Unterstützung für ihre Lesart findet Köhler in Bezugnahmen zum Werk Roland Barthes', der mit seinem Wortpaar "Komplizität und Gereiztheit" die "Grundbefindlichkeit dieses lebensklugen und empfindungsgenauen Buches" auf den Punkt gebracht habe.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.04.2008
Christoph Schröder wirkt zunächst etwas ungehalten, bemerkt aber dann an sich ein zunehmendes "Unbehagen", das Silvia Bovenschen in voller Absicht mit ihrem Roman "Verschwunden" erzeugt, wie er glaubt. Die im Rollstuhl sitzende Daniela sammelt Geschichten vom Verschwinden, die sie sich von ihren gebildeten Freunden bei einem wöchentlichen Treffen erzählen lässt, erklärt der Rezensent. Es stört Schröder, dass in jeder der Erzählungen die "Erzähltheorie im Subtext" durchscheint. Doch was ihm erst reichlich theoriegeladen und "manieriert" erscheinen will, erreicht eine immer dichtere Atmosphäre und so manifestiert sich in Sprache und Konstrukt dieses Textes für den beeindruckten Schröder der Tod immer stärker als ultimatives Verschwinden.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.04.2008
Viel Respekt nötigt es Ijoma Mangold ab, wie Silvia Bovenschen es in ihrem jüngsten Buch schafft, ohne richtigen "Plot" Lebenswirklichkeit festzuhalten. Bei der Autorin, die auch als Wissenschaftlerin und Essayistin publiziert, wird die eigentlich ausgestorbene Spezies des Intellektuellen noch einmal in den Mittelpunkt gestellt und darf ungebremst über sich, die Welt und ihre Empfindlichkeiten reflektieren, konstatiert der Rezensent interessiert, der an diesem Buch insbesondere das Figurenarsenal genossen hat. Die durch MS ans Haus gefesselte Hauptfigur Daniela Listmann - auch Bovenschen leidet unter dieser Krankheit, wie Mangold weiß - bittet ihre Freunde, ihr Geschichten vom "Verschwinden" zu erzählen und während die Freunde annehmen, dass das ihre Art ist, am Leben teilzuhaben, stellt sich immer mehr heraus, wie genüsslich sie selbst nun ihr Leben nach erzählträchtigen, identitätsstiftenden Episoden absuchen. Der Ton erinnert Mangold ein bisschen an den frühen Botho Strauß und er ist begeistert, wie "klug" Bovenschen in ihren bruchstückhaft erzählten Episoden die Existenzform des Intellektuellen darstellt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2008
Ein "vertrackter" und hoch intelligenter Lesegenuss ist dieses jüngste Buch der Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen in den Augen der Rezensentin Rose-Maria Gropp. Die Ich-Erzählerin Daniela Listmann - die als Ich freilich nur zweimal auftaucht - hat Freundinnen und Freunde um Geschichten übers Verschwinden gebeten, die sie dann aber eigenmächtig selbst erzählt. Das ist durchaus als Auseinandersetzung mit Michel Foucaults fast vierzig Jahre alten Thesen zum "Tod des Autors" zu begreifen, bleibt jedoch, wie Gropp versichert, ein raffiniertes und abgründiges Vergnügen auch ohne Kenntnis dieses Theoriehintergrunds. In den Geschichten geht es um einen Laptop, aber auch Menschen; erzählt sind sie in sehr unterschiedlichen Stilen, von denen aber nicht zu sagen sei, ob sie nun den einzelnen Ursprungsbesitzern der Geschichten oder doch der Autorin Daniela Listmann zuzurechnen sind. Von Verschwinden und Tod ist in diesem Buch viel die Rede, in Wahrheit handelt es sich aber, so Gropp, um eine "Liebeserklärung an das Leben".
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