Bücherschau der Woche
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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
Ein Dorf an der Elbe, vierzig Jahre in der DDR gelegen, gliedert sich nach der Wende wieder in Niedersachsen ein. Zwei Männer, die von hier in den goldenen Westen zogen, kehren siebzehn Jahre später nun zurück: um den Großvater zu pflegen, der Polizist Jo Brüggemann, um die Kneipe der Eltern zu übernehmen, der Journalist Jens Lewin. Sperrgebiet, Zaun und Aussiedlungswellen haben ihre Spuren im Dorf hinterlassen. Man schweigt hier gern - auch über das Geheimnis, das Jens und Jo verbindet. Die Jugendfreunde gehen sich aus dem Weg, doch als sich Jens' Frau Anne mit Jo anfreundet, reißt sie nichtsahnend alte Wunden auf. Hatte Jo Anteil daran, dass Jens noch in der DDR ins Gefängnis kam? Dort hat er nicht nur die besten Jahre seiner Jugend verpasst, sondern auch die überschäumenden Tage der Wende. Anne will Verräter und Verratenen begreifen, doch sie sieht sich auf einmal zwischen zwei Männern stehen. Und mit der Aufdeckung vergangener Schuld zieht die nachbarschaftliche Katastrophe herauf.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.08.2008
Eingenommen ist Paul Jandl von Jan Böttchers Roman über das Leben in einem Dorf an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Er bescheinigt dem Autor, seine Geschichte um den Polizisten Jo und den Journalisten Jens, die nach 17 Jahre im westdeutschen Exil in ihren Heimatort zurückgekehrt sind und noch eine offene Rechnung zu begleichen haben, handwerklich überaus versiert und "atmosphärisch dicht" zu erzählen. Vor allem sieht Jandl in dem Buch aber eine "Mikrosoziologie deutsch-deutscher Verhältnisse". Besonders gefallen haben ihm Böttchers schönen Landschaftsbilder. Er hat immer wieder den Eindruck: "Man könnte Jan Böttchers große Deich-Saga vom Blatt weg verfilmen". Doch empfindet er das nicht unbedingt als Nachteil. Allenfalls die etwas holzschnittartige Psychologie der Hauptfiguren stört ihn ein wenig.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.07.2008
Jan Böttchers Roman beeindruckt die Rezensentin Ina Hartwig durch seinen Sinn für unspektakuläre Schönheit, traurige Poesie und eine "subtil-realistische Psychologie". Schon dies hätte gereicht, um Hartwigs Aufmerksamkeit zu erzielen. Einen Ausnahmerang sichert sich Böttcher aber dadurch, dass er als Westler eine Geschichte aus dem Osten erzählt. Ein solches Bemühen, die Verwerfungen - das Nachglühen - der Diktatur aufzuspüren, findet Hartwig gerade in seiner Generation selten: Zwei ehemalige Freunde begegnen sich in einem kleinen Elbdorf etliche Jahre nach dem Mauerfall wieder beziehungsweise tun alles, um diese Begegnung zu verhindern. Zuletzt hatten sie sich 1987 zusammen vor den Grenzpolizisten versteckt, was allerdings nur den einen ins Gefängnis gebracht hat. Viel Scham und Schuld entdeckt Hartwig in diesem Roman, aber auch echt norddeutschen Charme.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.04.2008
Sichtlich beeindruckt ist Alexander Cammann von Jan Böttchers Roman "Nachglühen". Das Buch markiert für ihn nicht nur das Ende der Ostalgie, es zeigt auch, "wie eine neue gesamtdeutsche Literatur entstehen kann". Dass der Autor als Westdeutscher, der seit den 90er Jahren in Berlin lebt, die Stimmung und Atmosphäre in einem an der innerdeutschen Grenze liegenden Provinzort der späten DDR derart genau und stimmig beschreibt, quittiert Cammann mit großer Bewunderung. In diesem Zusammenhang bescheinigt er Böttcher eine erstaunliche Recherche- und Anverwandlungsleistung. Stark findet er zudem die Geschichte, die mit Krimiplot, "lakonisch-witzigen Dialogen", "herber Elblandschaft" und "personalisierter Vergangenheit" geradezu auf eine Verfilmung mit August Diehl und Florian Lukas in den Hauptrollen hingeschrieben sei.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.03.2008
Nur mäßig zufrieden ist Rezensent Helmut Böttiger mit dieser melodramatischen DDR-Grenz-Geschichte geworden, die für seinen Geschmack trotz atmosphärischer Dichte ein wenig konventionell gestrickt ist und an deren gelegentlicher pathetischer Aufladung er sich empfindlich stößt. Es geht, lesen wir, um die Beziehung zwischen zwei Schulfreunden in der DDR, die sich 17 Jahre nach der Wende wieder begegnen: Ex-Linientreuer meets Ex-Dissident. Selbstredend laufen der Prolog und die zwölf Kapitel des Romans für den Rezensenten auf ein Showdown zwischen den beiden zu. Der Erzählstil erinnert ihn mit seiner kargen Sprache und den vielen Dialogen an kurze Kameraeinstellungen - in seinen besten Momenten auch an Rainer Werner Fassbinder. Doch scheitert das Buch aus Sicht des Rezensenten im Wesentlichen an der Ambition des Autors, opulentes Breitwandformat und große Gefühle zu liefern. Denn dem halte Jan Böttchers Erzähltechnik nämlich nicht stand, weshalb das Buch für den Rezensenten höchstens als Vorlage für einen ZDF- oder RTL-Zweiteiler reicht.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.03.2008
Der Ernst-Willner-Preis der Klagenfurter Literaturtage, den Jan Böttcher für das erste Kapitel von "Nachglühen" erhielt, er war vollauf gerechtfertigt. Das nun fertige Buch sei "fabelhaft", applaudiert Christoph Schröder, ja ein "stilles Meisterwerk". Jo Brüggemann kehrt zurück in das Dorf auf der DDR-Seite der innerdeutschen Grenze, in dem er aufgewachsen ist. Dort schwelen untergründige Konflikte, die aber zumeist beschwiegen werden. Geredet werde wenig, "unaufdringlich" und subtil setze Böttcher den Mikrokosmos des Dorfes zusammen und forme einen kunstvollen Spannungsbogen daraus. Dass Böttcher ein Wessi ist, vergrößert die Bewunderung des Rezensenten ins beinah Unermessliche. "Ungeheuer" müssen seiner Ansicht nach Recherche und Empathie gewesen sein, um das diffizile Gefühlsgemenge so stimmig darzustellen. Und dabei nie dem Grellen zu verfallen. Schröder staunt.
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