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zuletzt aktualisiert 10.02.2012, 17.04 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Jenny Erpenbeck

Heimsuchung

Roman

Cover: Heimsuchung

Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN-10 3821857730
ISBN-13 9783821857732
Gebunden, 191 Seiten, 17,95 EUR

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Klappentext

Ein Haus an einem märkischen See ist das Zentrum, zwölf Lebensläufe, Geschichten, Schicksale von den Zwanzigerjahren bis heute ranken sich darum. Das Haus und seine Bewohner erleben die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den Krieg und dessen Ende, die DDR, die Wende und die Zeit der Nachwende.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.05.2008

Rezensentin Katharina Döbler hat viele Gründe, diesen "mit feinem Stich und großer Wirkung" gearbeiteten Roman von Jenny Erpenbeck über das Haus ihrer Großmutter, das die Familie nach der Wende an die Erben der jüdischen Alteigentümer zurückgeben musste, zu loben: Akribische Recherche, ihre dichte "mit dem Stoff der Imagination üppig gepolsterte" literarische Umsetzung, die Implantation von gedanklichen Ausschweifungen sowie die höchst komplex gebauten Figuren in den verschiedenem Zeiten, durch die der Roman das Geschick des Hauses und seiner wechselnden Besitzer und Bewohner verfolgt. Aber auch die Art, wie Erpenbeck darin deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts manifest werden lässt, haben die Rezensentin sehr beeindruckt. Was die Rezensentin aber vor allem überzeugt, ist die große Objektivität der Autorin bei der Beschreibung, die ohne jeglichen "autobiografischen Groll" auskomme. Und der Respekt, den sie in der Fiktion vor den "wirklichen Figuren" und ihren Wahrheiten behält, wo von ihre eigene Wahrheit zwar ein Teil, jedoch ein gleichgestellter sei.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.03.2008

Nicht wirklich erwärmen kann sich Alexander Cammann für Jenny Erpenbecks Roman über die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner im Laufe des letzten Jahrhunderts. Das große Lob, das dieser für den Leipziger Buchpreis nominierte Roman von verschiedenen Seiten erhalten hat, scheint ihm nicht berechtigt. Für seinen Geschmack ist das Buch zu ambitioniert, um gut zu sein. Er hält der Autorin vor, einfach zu viel zu wollen, zu dick aufzutragen, überall über das Ziel hinaus zu schießen. So setzte Erpenbeck etwa auf "grelle Paralleleffekte, um auch noch dem stupidesten Leser die schreckliche Unauflöslichkeit von Individuum und Geschichte einzuhämmern". Auch die aufdringliche Symbolik und die metaphysische Überhöhung des Orts und des Geschehens sind Cammann ein Dorn im Auge. Er vermisst bei der Autorin Zurückhaltung. Wäre das Buch etwas "leiser, privater" ausgefallen, urteilt er, hätte es "vielleicht ein gelungenes Buch werden können".

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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.03.2008

Dies ist ein "Jahrhundertroman", ein "Wunder" an Leseerfahrung, schreibt Rezensentin Katharina Granzin begeistert. Aufs Höchste betört ist sie auch von der "Lese-Musik", die der Roman in ihrem Kopf erzeugt. Denn der fange nicht nur die deutsche Geschichte des letzten Jahrhunderts ein und wähle dafür als einfaches Symbol ein Haus am See, sondern beeindrucke auch mit einer "poetischen Genauigkeit und doch Offenheit" der Sprache, die die Rezensentin als vom Hauch deutscher Romantik umwehten "poetischen Existenzialismus" empfindet. Und obwohl das Buch nur 200 höchst komprimierte Buchseiten umfasse, sind ihr durch diese Unbedingtheit der Sprache zusätzliche Klang- und Assoziationsräume eröffnet worden. Jenny Erpenbeck erzähle die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner. Dazu setze sie mit der Eiszeit ein, die die melancholische märkische Seenlandschaft formte. Am Ende stehe der Abriss des Hauses. Dazwischen werde die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner im 20. Jahrhundert erzählt, und die der vertriebenen jüdischen Familie auf dem Nachbargrundstück. Die Meisterschaft der Autorin zeigt sich für die Rezensentin auch in der Zeichnung der Figuren, die einerseits unerhört flüchtig in den Zeitverläufen aufleuchteten und trotzdem große Eindringlichkeit besäßen.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2008

Sehr beeindruckt, aber nicht wirklich begeistert zeigt sich der Rezensent Martin Halter von diesem Text Jenny Erpenbecks, der auf durchaus knappem Raum ganze Generationenschicksale und ihre Bewegung durch die "Ruinen deutscher Geschichte" bündelt. Durchs 20. Jahrhunderte ziehen sich die Schicksale, die erzählt oder auch nur angedeutet werden in einer Erzählung, die "verdichtet und verknappt". Die Autorin ziele nämlich keineswegs ins Epische, sondern gehe den Weg der sorgfältigen Komposition und suche die Konzentration auf ein einziges Haus und seinen Garten. In zwölf Kapiteln werden Geschichten erzählt, die durch Wort- und Motivwiederholungen miteinander verknüpft werden. Dazwischen geschaltet wird das wortlose Walten des Gärtners. Das sei alles überaus gekonnt gemacht, aber "atmen, wuchern, leben", so Halter, könne dabei nichts mehr.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.02.2008

Einen ambivalenten Eindruck hat Jenny Erpenbecks Roman über die Geschichte eines Hauses am Scharmützelsee und seiner wechselnden Bewohner bei Kristina Maidt-Zinke hinterlassen. Dabei findet sie das Buch in technischer Hinsicht nahezu perfekt, sauber recherchiert, reich an Material und Figuren, an denen Leid, Freuden und Nöten die Verwerfungen der deutschen Geschichte von der Weimarer Republik bis in die Nachwendezeit vor Augen geführt werden. Alles scheint der Rezensentin hier "geradezu vorbildlich gewählt und gelöst": Thematik, Konstruktion, Perspektive, Erzählduktus. Aber vielleicht gerade darum wirkt das Buch auf sie angestrengt. Der Autorin gelingt es in ihren Augen zumeist nicht, sich aus ihrem "rigiden Korsett" zu befreien, und wenn doch, dann nur in den Passagen, wo sie ihrem Faible für "pornografischen Kitsch" nachgibt. Was in den Augen der Rezensentin dann allerdings ziemlich daneben ist.

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.02.2008

Rezensent Roman Bucheli zieht seinen Hut vor diesem Roman und seiner "enormen poetischen Kraft". Über beinahe hundert Jahre lang verfolgt Jenny Erpenbeck die Menschen und das Geschehen an einem Grundstück an einem märkischen See, in dem der Rezensent sich schließlich auch die ganz große Geschichte spiegeln sieht. Der Erzählzeitraum zieht sich vom Ersten und Zweiten Weltkrieg über die Shoah bis zum Einmarsch der Roten Armee, der Gründung der DDR und schließlich deren Ende. Beeindruckt sieht Bucheli immer wieder die Natur gleichnishaft für die Versehrungen stehen, die der Mensch im Verlauf der Geschichte erst ihr und dann auch "seinesgleichen" zugefügt hat. Immer wieder begeistert von der sprachlichen Souveränität, mit der die Autorin ihr Thema gestaltet, überzeugt ihn auch die Komposition des Buchs, die sich nicht an den chronologischen Verlauf halte, sondern stattdessen vor- und zurückspringe oder Zeitebenen überblende, wodurch bei ihm der Eindruck "der gestauten Zeit" entsteht und Geschichte als "geschichtete Zeit" sichtbar wird.

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