Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
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Klappentext
West-Berlin im Jahr 1987: Soja, gelernte Setzerin, Republikflüchtling, Aushilfsblumenhändlerin mit weitem Herz, trifft Harry, groß, frei, still-entschlossen, mit abgründiger Vergangenheit und düsterer Zukunft - und fortan teilen sie ein gemeinsames Schicksal. Geblieben ist ein Schulheft mit undatierten Einträgen, genau neunundachtzig Sätze, in denen Harry festhielt, was ihn beschäftigte, während er mit Soja zusammen war. Vieles kommt vor, eine fehlt: Soja. Jahre später macht sie sich daran, die gemeinsame Geschichte zu erzählen und die Leerstelle zu füllen, die Harry hinterließ. Sie erinnert sich an den Mann, der sie durch seine Entschiedenheit beeindruckt, gleich anfangs mit einem Geschenk verstört und ihr Herz mit einem Kinderkuss erobert hat - und um den sie sich fortan nach Leibeskräften und wider alle Vernunft bemüht. Trotz seiner Schweigsamkeit gibt Harry einiges preis: nach einem Raubüberfall zehn Jahre im Knast, auf Bewährung draußen, Bewährungsauflagen verletzt, weil Drogentherapie abgebrochen, angewiesen auf neue Maßnahme, sonst umgehende Inhaftierung. Und das bringt Soja nicht gegen ihn auf, sondern auf Trab: Sie organisiert eine neue Therapie, verpflichtet ihre wenigen Freunde zu einer lückenlosen Begleitung und ignoriert doch alle Indizien dafür, dass Harry ihr manches verschwiegen hat. Und tatsächlich dauert es nicht lang, bis die nächste Bombe platzt.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2007
Was leicht ins Kitschige hätte abgleiten können, wird dank der großen literarischen Fertigkeit und sprachlicher Reflexion der Autorin zu einer Alltagsgeschichte mit ganz eigener Romantik, lobt Rezensent Dirk Knipphals Katja-Müllers Roman, den er zusammen mit Michael Kleebergs "Karlsmann" im Aufmacher der Literaturbeilage feiert. Dessen Ich-Erzählerin Soja verliebt sich im West-Berlin der frühen achtziger Jahre in den drogenabhängigen Ex-Sträfling Harry und versucht ihm zu helfen, sein Leben in den Griff zu bekommen. Ihre große Liebe, die seinen Tod überdauert, wird von ihm nur eingeschränkt erwidert. Dass dies unsentimental bleibt, führt Knipphals auf die Erzähltechnik Lange-Müllers zurück, die den Roman als einen langen Brief der Protagonistin, kombiniert mit Tagebuchaufzeichnungen Harrys, anlegt. Der Roman endet mit den Ereignissen des Herbstes 1989, doch die politische Dimension bleibt gegenüber der emotionalen Erfahrungen der Erzählfigur im Hintergrund. Diese Konzentration aufs Private hebt Knipphals als ein Grundanliegen des Romans hervor und lobt die Nähe, die Lange-Müller ihren Personen gegenüber entwickelt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2007
Sehr empfindsam gibt sich Rezensent Hubert Spiegel hier in seiner Besprechung. Wie er den Protagonisten und ihrem ruppigen Säufer- und Junkieleben im Westberlin der Vorwendezeit nachspürt, wie er das Schnoddrige und zugleich Verlorene einer späten Liebe in diesem Roman nachzeichnet, zeigt deutlich, wie sehr er die Autorin Katja Lange-Müller schätzt. Spiegel schätzt die Abwesenheit von Sentimentalität in diesem Buch, bewundert die kühl konstruierte Erzählperspektive des Briefes an einen Toten und kritisiert nur milde die ihn manchmal nervenden Kalauer oder zu deftig ins "Folkloristische" abrutschenden Milieuschilderungen. Ihm gefällt, wie das Buch auch "deutsch-deutsche Vergangenheit" thematisiert, genauer gesagt, wie es das alte Westberlin als ziemlich trostlosen Ort und "Insel der Unseligen" zeigt. Hocherfreut urteilt Hubert Spiegel, die Autorin habe in diesem Roman die stille Erwartung vieler Kenner auf (qualitativ) "mehr" wunderbar eingelöst.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.10.2007
Katja Lange-Müllers Roman "Böse Schafe" hat den Rezensenten Roman Bucheli nicht nur beeindruckt, sondern auch tief bewegt. Er sieht in dem Roman über eine etwa vierzigjährige Ostberlinerin, die 1986 nach Westberlin ausreist und einen jüngeren HIV-positiven Junkie kennen lernt, mit dem sie bis zu dessen Tod vier Jahre verbringt, einen berührenden Nachruf auf eine traurige, aber intensive Liebe, getragen von Wut und Trauer, Beschimpfung und Liebkosung, kurz: eine "Liebeserklärung, die zum Himmel schreit". Auch sprachlich hat Bucheli das Werk, für ihn ein "modernes Märchen" ohne Happy End, überzeugt. So preist er den Roman auch als eine "Liebeserklärung an die Kraft und die Magie des Wortes". Die eindringliche Geschichte um die Verbindung der beiden Außenseiter lässt nach Ansicht Buchelis einige Fragen offen, etwa ob es Liebe auf den ersten Blick war, Verzweiflung oder Überdruss am Alleinsein. Gleichwohl hat ihn das Buch derart fasziniert, dass er mit der Lektüre gleich nochmal von vorne beginnen wollte.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.10.2007
Ein Unterschicht-Roman aus dem Berlin der Vorwendezeit, um Authentizität bemüht in Geisteshaltung und Sprache. Die Rezensentin Iris Radisch vergleicht das Buch im Aufmacher der Literaturbeilage aparterweise mit Martin Mosebachs in ganz anderen Sphären spielendem Roman "Der Mond und das Mädchen" - und findet, dass Lange-Müllers Werk vorzuziehen ist. Was nicht heißt, dass sie uneingeschränkt glücklich damit wird. Das Streben nach "milieuechtem Erzählen" sieht sie wohl und goutiert es - in Grenzen. Gelegentlich nämlich kippt das Berlinische, das hier reichlich aufgetischt wird, für ihren Geschmack zu sehr in den "Jargon von der Stange". In der Geschichte von Soja, der "Aushilfsblumenverkäuferin", und Harry, dem Junkie, der an Aids sterben wird, regiert das Schicksal mit aller Unausweichlichkeit. Eine "Moabiter Tragödie", ja, aber alles in allem eben doch auch nicht mehr als eine "restaurierte Antiquität".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.09.2007
Martin Lüdke zeigt sich begeistert von Katja Lange-Müllers "derbem, todtraurigen" Liebesroman "Böse Schafe", in dem sie zwei "richtig kaputte Typen" aufeinander treffen lässt. Ihre Protagonisten Soja, eine kräftige und in die Jahre gekommene Ost-Berlinerin, erzählt hier die Geschichte ihrer Beziehung zu dem bereits verstorbenen Harry, einem aidskranken Junkie. Beide Figuren geben sich in diesem Roman nur allzu oft die Blöße, aber gerade dieser "Psycho-Mief" ist es, der den Rezensenten überzeugt hat. In "kräftigem Ton" liefere die Autorin schlüpfrige und viele weitere "rücksichtlos genaue, ekelhaft großartige" Szenen. Dass die Geschichte kein gutes Ende nimmt, kann der Rezensent verkraften: "Dafür ist sie - als Literatur - gut geworden, ganz ausgezeichnet sogar."
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.09.2007
Geradezu hymnisch lobt Rezensent Ijoma Mangold Katja Lange-Müllers neuen Roman. Ein "Liebesabschiedsmonolog", wie er schreibt, dem er Eindrücklichkeit ohne Pathos bescheinigt und der ihn immer wieder schaudern ließ. Denn das Buch sei "schmerzhaft und traurig, aber frei von Tremolo". Auch sei es voller Fragen, wie sie existenzieller nicht sein könnten. Es spreche eine Frau, die geliebt habe. Nun aber sei der Mann tot, und die Frau versuche, sich ihm noch einmal zu nähern, um zu klären, wer er wirklich war. Für den schwer beeindruckten Rezensenten hat das Buch dabei auch "keine Scheu vor den demütigendsten Aspekten der Hingabe". Auch verneigt er sich tief vor der "großen Manieristin" Lange-Müller, vor der Extravaganz ihrer Sprache. Zur Begeisterung des Rezensenten ist "Böse Schafe" dann aber auch noch ein Berlin-Roman, der "auf beiläufig scharfzüngige Art" mit dem "selbstbetäubenden Subversivitäts-Laber-Dunst" der Nachachtundsechziger in der Hauptstadt abrechnet und dabei mit brillanten Milieuschilderungen glänzt.
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