Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Jobs
Historische Tage
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
Der Ich-Erzähler steht sichtlich unter Schock. Als habe er einen Zusammenbruch erlitten, hockt er mitten in der Nacht unter der Dusche seiner Münchner Wohnung, das heiße Wasser droht, ihm die Haut zu verbrennen. Am Abend war er zufällig dem einflussreichen Literaturagenten T. begegnet, den er nie wieder hatte treffen wollen, sofort war die schlimmste Geschichte seines Lebens wieder hochgekocht. T. hat vor einiger Zeit versucht, den Schriftsteller im Auftrag des renommierten Guggeis Verlags abzuwerben und ihm ein glänzendes Angebot gemacht. Das jedoch an eine seltsame Bedingung geknüpft war: Er sollte das neue Manuskript eines anderen Autors, Tonio Pototsching, selbst fertig schreiben. Als der Erzähler diesen ungewöhnlichen Auftrag schon ablehnen will, trifft er auf Laura, die Noch- oder Exfreundin Pototschings, und verliebt sich in sie. Und er nimmt den dubiosen Auftrag an.
Er ahnt nicht, dass er damit in eine bösartige Intrige hineingezogen wird, angezettelt von dem ungleich erfolgreicheren Schriftsteller und seinem Agenten. Eine Intrige, die ihn fast das Leben kostet, zumindest sein literarisches Leben. Denn Pototsching unternimmt nichts weniger, als ihm seine eigene Biografie zu rauben. Im Glauben, Herr seiner Biografie zu sein, muss er tatenlos zusehen, wie Pototsching Besitz von seinem Leben ergreift, sich seine Kindheit aneignet und mit seiner Hilfe ein enthüllendes Buch verfasst.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.11.2006
Als hochliterarische Mischung aus Thriller und Literaturbetriebs-Satire beschreibt Rezensentin Kristina Maidt-Zinke diesen Roman, der seinem Leser aber wohl auch einiges an Masochismus abverlangt. Denn Ernst-Wilhelm Händler macht darin, wie die Rezensentin (noch spürbar von Leseanstrengung gezeichnet) schreibt, das "bücherschöpfende Milieu bis an die Schmerzgrenze erfahrbar". Und zwar, wie ihrer Beschreibung zu entnehmen ist, in einer geradezu postmodern verschachtelten und polyphon verrätselten Konstruktion. Es treten auf: ein Literaturagent aus französischem Uradel, ein egomanischer Verleger mit Unseld-Zügen, ein Erfolgsautor, der ein Enkel von Alberto Giacomettis Hausmeister ist, zwei Schriftstellergefährtinnen mit den dantesken Namen Laura und Beatrice sowie ein anderer, allerdings erfolgloser Schriftsteller. Die Rezensentin schwankt bei ihrer Bewertung des Romans zwischen Entsetzen und Begeisterung. Am Ende befürchtet sie, die "Schwadronier-Orgien" des Buchs, seine "planmäßige Verdunkelungen", auf einschläferndem, aber "hohem Abstraktionsniveau substanzarm kreisenden Reflexionen" könnten doch eine schwere Krankheit hervorrufen: "Bibliophie zweiten bis dritten Grades".
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2006
Derart angeödet zeigt sich Martin Krumbholz von Ernst-Wilhelm Händlers Roman, dass man annehmen muss, er habe die 640 Seiten gar nicht alle gelesen. Laut Krumbholz sollte Querlesen hier jedenfalls erlaubt sein. Das ist als Qualitätsmerkmal eigentlich deutlich genug. Über Händlers Metaspielereien und Romantikanleihen, seine ganze "staubtrockene" hochkonstruierte Story und die "gespreizte Diktion" kann Breitenstein nur müde lächeln. Auf die verzweifelte Frage, was das Buch eigentlich will, gibt Breitenstein eine vernichtende Antwort: Es widerspricht so ziemlich allem, was er unter der Kunst des Romans versteht.
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 04.10.2006
Viel Bewunderung zollt Rezensentin Sabine Franke diesem "aberwitzigen und wagemutigen" 600-Seiten-Roman, der sie "direkt ins Denken und Fühlen eines Schriftstellers" geführt hat. Zwar musste sie, wie sie schreibt, sich den "vertrackt" gebauten Roman erst "erarbeiten", da der Roman auch kompositorisch das Abbild eines "frei flottierenden" Schriftsteller-Innenlebens sei, und dabei Stoff und Figuren für fünf Romane auffahre. Aber irgendwann war sie "drin" und der Lesegenuss begann. Anteil daran hat vor allem Ernst Wilhelm Händlers facettenreiche "Ich-Figur", aber auch seine "sprachliche Brillanz" und die "komischen Einfälle": zum Beispiel die satirischen Selbstgespräche dieses Schriftsteller-Ichs mit all ihren Persönlichkeitsabspaltungen. Begeisterung lösen bei der Rezensentin auch Händlers "glasklare Eleganz" und lakonische Tönungen bei der Beschreibung von Milieus und Figuren, sowie die als "Miniaturgrotesken" inszenierten Liebesszenen aus. Am Ende dieses "collageartig" verschachtelten Romans hat sie einen starken Eindruck von der "Beschaffenheit des geistigen Geländes" gewonnen, in dem Literatur entsteht.
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.09.2006
Rezensent Ijoma Mangold feiert Ernst-Wilhelm Händles Roman als neuen Gipfel komplexer Erzählkunst. Oberflächlich gesehen handele es sich um eine "Klamotte aus dem Literaturbetrieb", die im Roman gezeichnete "überdimensionale Verlegerfigur" trägt aus Sicht des Rezensenten erkennbar die Züge Siegfried Unselds. Dennoch warnt der Rezensent vor oberflächlicher Entschlüsselung, denn Händlers Roman verhandele in sehr komplexer Weise das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit, wobei Mangold besonders der "erbarmungslose Blick" dieses Autors "für die Unhintergehbarkeit und Allgegenwart von Machtstrukturen" begeistert, die Händler auch im literarischen Schaffensprozess zum Tragen kommen sehe: Und zwar als "ultimative Machtfrage", wer über "Sein und Nichtsein" entscheiden könne. Händler beschreibe den "Ursprung aller Kreativität" auch als narzisstischen Größenwahn, in dessen Kontext der "Wille zum Selbstausdruck" als totalitäre Geste auch die "Vernichtung des Rivalen" mitdenken und nachvollziehen würde.
Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.09.2006
Ernst-Wilhelm Händler zu lesen war immer schon anstrengend, und ihn zu kritisieren schon immer schwer, findet der Rezensent Sebastian Domsch. Doch mit diesem Roman glaubt der Rezensent endlich etwas gegen den Autor in der Hand zu haben: "Woran es mangelt, ist ein vernünftiger Roman." Wie immer entwerfe Händler ein "bienenfleißiges" und wahnsinnig postmodernes "Konglomerat zahlloser Textebenen", die jedoch in unklarem Verhältnis zueinander stehen. Doch die Romantüchtigkeit der abseitigen wie einfachen Geschichte um die existentielle Identitätsbedrohung, die der Ich-Erzähler, ein mäßig begabter Schriftsteller, erfährt, als er das Manuskript eines Bestseller-Autors (das ausgerechnet von der Kindheit des Ich-Erzählers handelt) vollenden soll, ist durch postmodern verzwicktes Ebenenspiel allein noch nicht gegeben, so das Fazit des Rezensenten.
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.09.2006
Dieser Roman, daran lässt der Rezensent Richard Kämmerlings keinen Zweifel, ist eine Herausforderung; jedoch ist er, das wird nicht minder klar, die Leseanstrengung der Edlen wert. Ineinander verschachtelt finden sich ein Schlüsselroman mit einer Unseld-Figur als Großverleger mit Weltbeherrscherfantasien; ein Streit ums eigene Leben und sein (auto)biografisches Notat zwischen zwei Autoren; der Kampf um eine Frau; eine Art Theorie zum Narzissmus des Autoren-Ichs; engste Bezüge zu Werken anderer Autoren, zum wiederholten Male in Händlers Oeuvre vor allem denen Thomas Bernhards; und nicht zuletzt eine Fortwirkensgeschichte des Dritten Reiches. Einzig mit letzterer hat der Rezensent, sollte sie, was er nicht genau weiß, vom Autor als objektive Gegenwartsgesamtdiagnose gemeint sein, seine Probleme. Den Rest findet er klug und tief und, im besten Sinne, außerordentlich ambitioniert. In manchen Schacht, den der Roman gegraben hat, steigt Kämmerlings hinab und kommt mit vollen Händen zurück, und legt diesen Roman dem denkenden Leser deshalb mit großer Entschiedenheit ans Herz.
Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Mehr Bücher aus dem Themengebiet
Bücher von Lesern empfohlen
Shahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren
Aus dem Englischen von Ursula Ballin. Ein iranischer Schriftsteller ist es leid, immer nur düstere Romane ...
Javier Marias: Dein Gesicht morgen
Aus dem Spanischen von Elke Wehr. "Wollte Gott, dass niemand uns jemals um etwas bittet oder auch nur fragt, ...
Archiv: Bücherschauen
Vexierspielkünstler
20.03.2010: Die FAZ hat Denis Johnsons Thriller "Keine Bewegung!" gelesen und freut sich über das Gespür des Autors für kriminelle Loser. Die FR folgt der zehnjährigen Dora durch Jacques Roubauds Abenteuer und Geheimnis verheißenden "Verwilderten Park". Sehr anregend findet die NZZ Eric Hobsbawms Buch über "Globalisierung, Demokratie und Terrorismus". Die taz spürt einen Hauch von Erlösung in Don DeLillos Roman "Der Omega-Punkt". Mehr lesen
Archiv: Vorgeblättert
Francois Walter: Katastrophen
15.03.2010: Für die Natur gibt es keine Katastrophen, nur für die Menschheit. Der Schweizer Historiker Francois Walter hat eine Kulturgeschichte ihrer Bewältigung geschrieben und der Sinnsuche des Menschen: Strafe Gottes, Prüfung der Gottesfürchtigen sowie Ansporn zu neuen technischen Entwicklungen. Hier eine Leseprobe aus "Katastrophen". Mehr lesen
Betina Gonzalez: Nach allen Regeln der Kunst
11.03.2010: Im Erstlingsroman der Argentinierin Betina Gonzalez begibt sich eine Tochter auf die Suche nach den Spuren ihres Vaters, eines mittelmäßigen Bildhauers, und nimmt Kontakt mit seinen Geliebten auf. Hier eine Leseprobe aus "Nach allen Regeln der Kunst". Mehr lesen
Necla Kelek: Himmelsreise
08.03.2010: Passend zum 8. März: Necla Kelek kämpft in ihrem neuen Buch für eine aufgeklärte Lesart des Koran, informiert über Entstehung und Hintergründe und stellt fest: Auf den Koran kann sich nicht berufen, wer für Kopftuch und fünf Pflichtgebete am Tag plädiert. Lesen Sie hier ein Kapitel aus "Himmelsreise". Mehr lesen


Folgen Sie uns auf Twitter


