Bücher der Saison
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Richard von Schirach
Der Schatten meines Vaters
Klappentext
Mit Abbildungen. Richard von Schirach, Sohn eines der führenden Nationalsozialisten, berichtet hier von seiner Jugendzeit. Von seiner Mutter, die sich scheiden ließ und die Kinder in Internaten unterbrachte, von den wenigen Besuchen, die ihm bei seinem Vater im Allied Prison in Berlin Spandau gestattet waren. Und von den Briefen: 1080 hatte der Vater bis zum Ende der Haft geschrieben, ohne seine Rolle in der nationalsozialistischen Diktatur jemals zu erwähnen. Wie sollten er und sein Sohn, der sich inzwischen ein eigenes Bild von der Schuld der Deutschen im Zweiten Weltkrieg gemacht hatte, sich da irgendetwas zu sagen haben, als Baldur von Schirach 1967 freigelassen wurde? Eine beispielhafte deutsche Familiengeschichte, die anschaulich zeigt, warum 1945 noch lange nicht alles zu Ende war.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.12.2005
Beeindruckt zeigt sich Cornelia von Wrangel von Richard von Schirachs Erinnerungen an seinen Vater Baldur von Schirach, Hitlers Reichsjugendführer, der sich einst rühmte, Wien "judenfrei" gemacht zu haben. Sie sieht in dem Buch weder eine "erbarmungslose Anklageschrift" noch eine "späte Abrechnung". Vielmehr versteht sie es als die "Geschichte einer enttäuschten Liebe", einer "Entfremdung zwischen zwei Menschen", deren familiäre Bande das Trennende nicht überwinden können, weil der Sohn zunehmend fassungslos wird angesichts der Greueltaten des Regimes und der Schuld des Vaters, der keine Worte der Reue findet. Wrangel würdigt den Autor als "großartigen Milieu-Erzähler", wenn dieser etwa beschreibe, was es bedeutete, als Familie eines Täters in Bayern aufzuwachsen. Besonders Schirachs Schilderungen seiner Besuche im Allierten Militärgefängnis Spandau, wo sein Vater zwanzig Jahre einsaß, findet sie "eindrucksvoll". Hier mutiere die Autobiografie zum Bericht des Zeitzeugen. Mit der Heimkehr des Vaters sei dessen Autorität endgültig verblasst. "Der Sohn beschreibt all dies so", schildert Wrangel "als sei bei ihm nur noch Mitleid übrig für einen alten Mann."
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.11.2005
Zurückhaltend äußert sich Katharina Rutschky über die Erinnerungen Richard von Schirachs, des 1942 geborenen jüngsten Sohn des Reichsjugendführers und späteren Reichsstatthalters in Wien, Baldur von Schirach. Sie vermisst die formale Geschlossenheit. Dass das Buch in der Zeit springt und mit wenigstens drei ineinander gedrehten Erzählsträngen aufwartet, macht die Lektüre ihres Erachtens etwas anstrengend. Der Leser erfahre zum einen von einem herumgeschubsten, lästigen Kriegskind, das allzu früh ein selbstständiges Leben führen muss. Zum anderen lerne er den Spross einer konservativen, kultivierten Familie kennen, der sich bemühe, dem Leser ihren furchtbaren Abstieg in den Nazismus zu erklären. Rutschky hebt dabei Schirachs Zwiespalt zwischen der Loyalität gegenüber der Familie und dem Entsetzen über sie hervor. Zum Dritten begegne der Leser einem Kind, das einen Vater liebe, "den es über zwanzig Jahre nur aus 1.080 Briefen und einem jährlichen Besuch von 60 Minuten im Spandauer Kriegsverbrecher-Gefängnis kennt und hoffnungslos idealisiert." Eine Liebe, die nach der Entlassung des Vaters 1966 im in kürzester Zeit scheiterte.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.11.2005
Ein "einzigartiges Zeugnis" sieht Rezensentin Dorion Weickmann in Richard von Schirachs Buch über seinen Vater Baldur, der als Reichsjugendführer und Gauleiter von Wien für die Deportation von 185.000 Juden verantwortlich war. "Einzigartig" findet sie das Buch, weil es eine "eindringliche, nuancierte, aus eigener Anschauung gewonnene Sprache" spreche, und sowohl die "selbstgefällige Hassattitüde" als auch die "verblendete Exkulpation" vermeide, mit der andere Täterkinder über ihre Anverwandten schrieben. Dem Autor gehe es nicht um Anklage oder Verteidigung, sondern darum zu begreifen, wie sein Vater auf die Anklagenbank in Nürnberg geriet und warum er die Wahrheit verweigerte. Weickmann berichtet über die Kindheit des 1942 geborenen Richard und seinen Briefwechsel mit dem in Spandau einsitzenden Vater und schildert deren Verhältnis als einen Prozess der Ernüchterung, an dessen Ende der Abgesang auf eine Vater-Sohn-Beziehung steht, die es eigentlich nie gab. Die Inszenierung einer heilen Familie endete mit der Entlassung des Vaters. "Zurück bleibt ein Scherbenhaufen", so die Rezensentin, "der zerbrochene Spiegel einer Kindheit."
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.10.2005
Kritisch betrachtet Rezensentin Christine Brinck diese Erinnerungen Richard von Schirachs an seinen Vater Baldur, dem einstigen Reichsjugendführer und Reichsstatthalter von Wien, der vom Internationalen Gerichtshof in Nürnberg zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Sie hält dem Autor vor, sich mehr mit dem Klein-Klein seiner Nachkriegskindheit zu befassen als mit den wirklich interessanten Fragen. Etwa danach, wie ein Heranwachsender mit der massiven Schuld seiner Eltern fertig wird, wie die Entstehung des Antisemitismus seines Elternhauses zu erklären sei oder wie es Baldur 1945 als kulturelle Errungenschaft bezeichnen konnte, dass Wien judenfrei sei. Fragen wie diese streife der Autor allerdings nur. Als private, familiäre Aufarbeitung einer Nachkriegskindheit gehört das Buch nach Ansicht Brincks in einen Selbstverlag. Historisch bringe es nicht viel, und psychologisch bleibe es viel zu vage und ducke sich vor den großen Fragen weg. Brincks Urteil fällt dann auch ziemlich scharf aus: "Für Täterkinder mögen derlei Erinnerungen eine Art Therapie sein, für den Leser sind sie dann doch zu dürftig."
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