Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
Kalligraphien von Karl Schlamminger. Das Buch der Leiden des klassischen persischen Dichters Attar ist die vielleicht schwärzeste Dichtung, die je von einem Menschen geschrieben worden ist. Radikal, alle Beschwichtigungen und Tröstungen vernichtend ist Attars Blick auf die Welt, aberwitzig sein Sarkasmus, grandios der Kosmos des Leidens, den er entwickelt. Kermani nimmt das Buch der Leiden zum Ausgangspunkt, um die Geschichte jener Religiosität zu erzählen, die Gott kennt, aber Ihm zürnt: eine Gegen-Theologie, die lange vor Hiob einsetzt und mit Georg Büchner noch längst nicht zu Ende ist. Sie zieht sich durch viele Religionen, vor allem aber verbindet sie auf hintergründige, bislang unbekannte Weise das Judentum, den Islam und die europäische Moderne - das Alte Testament, den Sufismus und die deutsche Literatur, wo sie am dunkelsten ist.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info):
Navid Kermani bei C.H. Beck
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.10.2005
Elisabeth Kiderlen hat aus Navid Kermanis Gedanken zum menschlichen Hadern mit Gott im Christentum und vor allem im Islam nicht nur "neue Erkenntnisse", sondern auch eine Reihe "ästhetische Erlebnisse" mitgenommen. Im größten Teil der Besprechung diskutiert sie, Kermanis Überlegungen folgend, die Geschichte der Hiobfrage, die der islamische Mystiker und Dichter Faridoddin Attar im 12. Jahrhundert auch für den Islam formuliert hat, übrigens in "literarisch großartigen Versen", wie Kiderlen versichert. Kermani nun "ackert im Weinberg des Glaubens" mit Geschichten von Unheil, Flüchen und Segnungen, die die Rezensentin offensichtlich ausnahmslos beeindruckt haben. Der Glaube, resümiert sie nach der Lektüre von so viel Gotteszweifel, ist anscheinend "eine freie Wahl", ohne Garantie.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.10.2005
Großartig, wie Navid Kermani die Anschauungen eines Moslems in eine Diskussion einbringt, die bisher zumindest hierzulande mit Hiob jüdisch-christlich oder mit Albert Camus "europäisch-philosophisch" geprägt war, jubelt Karl-Josef Kuschel. In "ruhiger Grundlagenforschung" erarbeite Kermani das Werk des persischen Dichters Faridoddin Attar, der im 12. Jahrhundert die Frage nach Gott angesichts des Leidens in der Welt aufwirft. Für den Rezensenten sind die Parallelen, die Kermani zu Schopenhauer und Beckett entdeckt, durchaus nachvollziehbar. Die "stilistisch wie intellektuell brillante" Studie festige den Ruf Kermanis als Verfechter einer differenzierteren Wahrnehmung des islamischen Denkens, das eben nicht nur Ergebenheit, sondern seit langem auch Zweifel und rebellische Gedanken kennt. Kermanis Unterfangen, diese unbekannten Facetten muslimischen Denkens aufzuzeigen, sei "buchstäblich grenzensprengend", meint Kuschel, und für die religiösen Fanatiker in Orient und Okzident, die sich gegenseitig auszugrenzen versuchen, ein besonders harter Schlag.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2005
Mit offensichtlich viel Freude und Erstaunen hat der Rezensent Uwe Justus Wenzel Navid Kermanis "wundersames, ebenso gelehrtes wie persönliches" Buch "Der Schrecken Gottes" gelesen, das als Fortsetzung seiner Studie "Gott ist schön" verstanden werden kann. Im Mittelpunkt von Kermanis erneuter Betrachtung des Gottes-Begriffes steht laut Rezensent das - bislang nicht ins Deutsche übersetzte - Werk des persischen Dichters Faridoddin Attar, der im 12. Jahrhundert gelebt hat. Der "frappierte" Leser entdecke bei Attar einen schrecklichen Gott und einen mit ihm hadernden Menschen - ein Szenario, das an Hiob erinnert, jedoch weit über ihn hinausgeht und sich bis hin zu einer sehr persönlichen "sado-masoschistischen Beziehung zwischen Gott und Mensch vorzuwagen scheint". Dabei handele es sich jedoch nicht um eine isoliert "islamische" Betrachtung des Hiob-Motivs, wie der Rezensent betont. Dies gelte auch für Kermanis Buch, das auf spannende Weise immer wieder die islamische und die jüdische Tradition miteinander in Zusammenhang bringe, indem es "Trennungslinien" nachzeichne, die vor allem Verbindungen aufdecken. Die sich daraus ergebende Komplexität lobt der Rezensent als "verstörend", genauer: als "heilsam verstörend", zumal in einer Zeit, in der die verschiedenen Weltreligionen in "kulturkämpferische Rüstungen gesteckt werden". Besonders sympathisch ist dem Rezensenten jedoch, dass Kermani, nachdem er das Unterfangen der Theodizee für gescheitert erklärt hat, seine Gegen-Theologie nur vorsichtig und brückstückhaft entwirft.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.10.2005
Für den verzückten Rezensenten Burkhard Müller ist Navid Kermanis Buch "nicht weniger als ein kompletter Abriss der Theodizee" - der Rechtfertigung Gottes - "und ihres Gegenteils, des Haderns mit Gott, durch drei Jahrtausende und zwei Weltteile, das Morgen- und das Abendland". Sehr gut gefallen hat dem Rezensenten dabei, dass Kermani sich vornehmlich mit der für den hiesigen Leser weitgehend unbekannten morgenländischen Tradition auseinandersetzt und den unerhörten Reichtum an "spekulativem Vermögen, mystischer Kraft und dichterischem Ausdruck" der islamischen Theologie und Dichtung "in gedrängter Fülle" ans Licht bringt. Erwartungsgemäß hege Kermani gegenüber der Theodizee weniger warme Gefühle als gegenüber ihrem Widerpart, dem Hadern, dem der zweite Teil gewidmet ist. Und dieser liest sich, frohlockt der Rezensent, wie "ein düsteres islamisch-jüdisches Märchenbuch (die Christen haben im Hadern mit Gott insgesamt weniger Übung erlangt)", in dem die Figur Hiobs eine zentrale Rolle spielt. Einleuchtend auch Kermanis Fazit: Der menschliche Durst nach Gott, mit dem jedoch noch lange nicht dessen Existenz belegt ist, kann sich zur wahrhaft erhebenden Kraft entwickeln. Zwar ist dieses Buch weniger die Monografie über Attar und sein "Buch der Leiden", die es zu sein vorgibt (denn Attar gerät vor dem riesigen begrifflich-kulturellen Horizont, den Kermani absteckt und zum Leben erweckt, eher zum bescheidenen "Pünktchen"), doch es ist, schließt der Rezensent begeistert, ein wissenschaftlich überragendes und gleichzeitig "sehr persönliches Werk".
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