Bücher der Saison
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Klappentext
Aus dem Koreanischen von Oh Dong-sik, Kang Seung-hee und Torsten Zaiak. In einem heruntergekommenen Mehrfamilienhaus in Seoul stirbt im Jahr 1968 ein alter Mann, einsam und verarmt. Die Nachbarn, die ihn kaum kannten, weil er, der Nordkoreaner, ihnen suspekt war, streiten sich um das frei gewordene Zimmer. Wer aber war dieser Herr Han? Han Yongdok ist Professor für Gynäkologie am Universitätskrankenhaus in Pjöngjang, als 1950 der Koreakrieg ausbricht. Er entgeht der Mobilisierung, was ihn allerdings beunruhigt, ahnt er doch bereits, dass dies bedeutet, offenbar nicht auf Parteilinie zu sein. Er wird stattdessen der für die politischen Kader reservierten Sonderstation des Krankenhauses zugeteilt, hält sich aber nicht an die damit verbundenen Vorschriften und behandelt trotz Verbot auch Patienten aus dem Volk. Als er dabei erwischt wird, wie er ein schwer verletztes Mädchen operiert, wird er zum Tode verurteilt. Wie durch ein Wunder überlebt Han die Erschießung und flieht über den Fluss Daedong nach Südkorea und in die vermeintliche Freiheit. Frau und Kinder hofft er nachholen zu können, doch schnell stellt sich heraus, dass die poltischen Verhältnisse das nicht mehr zulassen.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.10.2005
Als "Die Geschichte des Herrn Han” im Jahr 1970 erschien, habe der Autor schon viele Jahre Gefängnis als Dissident hinter sich gehabt und noch einige vor sich, berichtet Rezensentin Maike Albath. Heute sei Hwang Sok-yong eine "politische Leitfigur” Südkoreas. "Die Geschichte des Herrn Han” habe damals, 17 Jahre nach dem Koreakrieg, ins "Schmerzzentrum der Gesellschaft” getroffen. In einer schmucklosen Sprache, so Albath, werde chronikartig das Leben eines alten Leichenwäschers in Südkorea erzählt, der einmal ein angesehener Gynäkologieprofessor in Nordkorea war, dann aber im Krieg illegal Zivilpersonen operiert hatte. Hwangs "dokumentarische Genauigkeit”, sein einfacher Realismus hätten in der Literatur Südkoreas geradezu "stilbildend” gewirkt, erläutert die Rezensentin. Heute allerdings gehe der Autor auf Distanz zu seinem "populären Frühwerk”. Und auch für den deutschen Leser sei nicht immer klar, so Albath, ob die einfache Sprache manchmal einfach naiv oder nur schlecht übersetzt sei.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2005
Rezensent Steffen Gnam lobt den südkoreanischen Schriftsteller Hwang Sok-yong als "unbestechlichen Streiter" für Demokratie und Versöhnung zwischen den Koreas. Sein jetzt auf Deutsch erschienenes parabelhaftes "engagiertes Jugendwerk" aus dem Jahr 1972 zeige "Aufstieg und Fall eines nordkoranischen Arztes" in der Zeit des Koreakrieges auf, der in die Mühlen der Diktatur gerät, durch eine Fügung des Schicksals dort einem Todesurteil entgeht und nach Südkorea flieht, wo er ebenfalls politischen Repressalien ausgesetzt ist. In der "klaren, unprätenziösen Sprache" des kritischen Realismus' erzähle Hwang Sok-yong vom Wahnsinn, der das Zwanzigste Jahrhundert heimgesucht habe. In diesem Zusammenhang sieht der Rezensent Hwang außerdem "expressive Stillleben des Elends" wie "gespenstergleiche Gefangenenmärsche" entwerfen und in dem "ihm eigenen Duktus der Ruhelosigkeit" und analytischer Schärfe Korea als "Spielball der Mächte" und "Manövriermasse der Ideologien" beschreiben.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005
Dorothea Dieckmann erklärt, warum Hwang Sok-yongs Roman aus dem Jahr 1972 im Stile eines "fast dokumentarischen Realismus" verfasst ist: Weil in Korea das Drama des 20. Jahrhunderts, das mit der japanischen Kolonialherrschaft seinen Anfang nahm und sich nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzte, als "Russen, Amerikaner und Chinesen (an Korea) zerrten wie an einem Beutetier", noch immer keinen Abschluss fand - weil die "Unbegreiflichkeit des Wirklichen", der man sich im ruhigen Europa schreibend annäherte, in Korea die Realität war. Der Realismus war ein Imperativ für die Schriftsteller, die sich dieser Realität annahmen, genau wie die tarnende Metaphorik, die dazu diente, der Zensur ein Schnippchen zu schlagen. Und was für eindringliche Metaphern finden sich in diesem Roman! Die Geschichte von Herrn Han, einem Arzt, der als Leichenwäscher arbeitet, der den Kommunisten im Norden entkam, um im Süden als nordkoreanischer Agent gefoltert zu werden, ist Dieckmann zufolge die Geschichte einer ganzen Generation.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.10.2005
Ein beeindruckendes Buch, eine legendäre Szene: Mitten im Winter will der Gynäkologieprofessor Han Yongol den Fluss Daedong überqueren, zusammen mit seiner Familie, aus dem repressiven Norden Koreas in den Süden fliehend. Für seine Frau und die kleinen Kinder ist die Durchquerung des eisigen Gewässers freilich zu riskant, sie kehren um; auch der älteste Sohn zeigt sich den Strapazen nicht gewachsen. Als Han also allein in Südkorea ankommt, "setzt sich der Terror fort, mit brutalen Verhören, Gefängnis, Einzelhaft". Als Leichenwäscher endet der einst angesehene Mediziner. Zuerst erschien "Die Geschichte des Herrn Han", geschrieben von Hwang Sok-yong, in Fortsetzungen, 1970, zwei Jahre später in Buchform. Ludger Lütkehaus preist diese Geschichte von politischer "Trennung und Vereisung". Gelungen ist dort stellenweise eine "koreanische Variante des Archipel Gulag", meint er. Der Autor nahm auch sein eigenes Schicksal vorweg; knapp zwanzig Jahre später geriet er nach einem Besuch im Norden seines Landes selbst in Verdacht, erlebte Einzelhaft und achtzehn Hungerstreiks. Lütkehaus spricht allerdings eine Warnung vor dem Buch aus: eine "gewisse Bedrückung" sei wohl unvermeidlich angesichts der lakonischen "Tristesse dieses Realismus".
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