Bücherschau der Woche
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Jürgen Habermas
Zwischen Naturalismus und Religion
Klappentext
Zwei gegenläufige Tendenzen kennzeichnen heute die geistige Situation der Zeit: die Ausbreitung naturalistischer Weltbilder und die religiöser Orthodoxien. Auf der einen Seite dringt mit den Fortschritten in Biogenetik, Hirnforschung und Robotik eine naturwissenschaftlich objektivierte Selbstauffassung von Personen auch in alltägliche Handlungszusammenhänge ein. Mit dieser Tendenz verbindet sich für die Philosophie die Herausforderung eines szientistischen Naturalismus: Strittig ist nicht die Tatsache, dass alle Operationen des menschlichen Geistes durchgängig von organischen Substraten abhängig sind. Die Kontroverse geht vielmehr um die richtige Art eines naturalistischen Verständnisses der kulturellen Evolution. Der vorliegende Band versammelt Aufsätze, die sich im Horizont dieser Fragestellungen bewegen. Durch alle Beiträge zieht sich als roter Faden die Intention hindurch, den gegenläufigen, aber komplementären Herausforderungen von Naturalismus und Religion mit dem nachmetaphysischen Beharren auf dem normativen Eigensinn einer detranszendentalisierten Vernunft zu begegnen.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.10.2005
Sehr beeindruckt ist Micha Brumlik von diesen Aufsätzen, in denen Jürgen Habermas die Grundzüge einer "postsäkularen Philosophie" entwirft. Habermas möchte zeigen, dass auch die modernen westlichen Gesellschaften "um ihrer eigenen freiheitlichen und moralischen Grundlagen willen" das religiöse Erbe gelten lassen müssen. Denn nur Religionen verfügen über "differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten für verfehltes Leben, gesellschaftliche Pathologien, für das Misslingen individueller Lebensentwürfe", zitiert Brumlik Habermas. So gelte es, für gläubige und ungläubige Bürger gleichermaßen annehmbare Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft zu schaffen. Denn wie sonst könne man gläubige Menschen dazu bringen, demokratische Gesetze zu akzeptieren, wenn sie doch nur Gottes Willen unterworfen sind? Dies kann laut Habermas nur dann gelingen, erklärt Brumlik, wenn die nichtreligiösen Bürger einerseits anerkennen, dass das "Außerkraftsetzen der Überlieferung" für Gläubige eine besondere Bürde ist, und sich andererseits um eine profane Übersetzung religiöser Normen bemühen - wie etwa aus der biblischen Gottesebenbildlichkeit die "Würde des Menschen" wurde. Brumlik findet das sehr spannend, vermisst allerdings so manche Probe aufs Exempel. Er fragt sich, wie sich wohl die christlichen Mysterien oder der jüdische Erwählungsglaube republikanisch übersetzen lassen?
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.10.2005
Nachdem es nach dem 11. September 2001 zunächst den Anschein hatte, der Matador der Aufklärung Jürgen Habermas sei zur Religion übergelaufen, kann Sonja Asal jetzt Entwarnung geben. Habermas beschäftige sich zwar verstärkt mit der Religionsphilosophie, doch gebe er "keinen Zentimeter vernunft- und kommunikationstheoretisch erschlossenen Boden preis". Vielmehr suche er innerhalb der Religion nach Anknüpfungspunkten, an denen unser "verkümmerndes" normatives Bewusstsein andocken und wieder neue Kraft tanken kann. Allerdings wandle Habermas auf einem "schmalen Grat", wenn er die Abgrenzung verwertbarer theologischer Gehalte von unrettbar und gefährlichen "antimodernen" Elementen abzugrenzen versucht. Voraussetzung für die Verbindung und schließlich Befruchtung von religiösem und naturwissenschaftlichem Bewusstsein seien "Rationalisierungsvorgänge" innerhalb der Religionen, mahnt die skeptische Rezensentin, die solche Prozesse aber bisher nur im Protestantismus bezeugen kann, im Islam und dem katholischen Christentum dagegen noch kaum.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005
Mit großen Respekt äußert sich Hans Joas über diesen Aufsatzband, der Arbeiten des Philosophen Jürgen Habermas aus den Jahren 2001 bis 2004 versammelt. Besonders den autobiografischen Text am Anfang des Bandes, in dem Habermas zum ersten Mal öffentlich die Erfahrungen mit seiner Lippenspalte reflektiert, findet er "anrührend". Nichtsdestoweniger übt Joas in seiner sehr ins philosophische Detail gehenden Besprechung immer wieder Kritik an einzelnen Punkten, in denen er mit Habermas nicht übereinstimmt. Als eines der zentralen Themen des Bandes nennt er die Auseinandersetzung mit der geistigen Situation der unmittelbaren Gegenwart, die für Habermas von den gegenläufigen Tendenzen eines naturalistischen Weltbildes einerseits und den zunehmenden Einfluss von Religion andererseits geprägt ist. In "meisterlicher Weise" erörtere Habermas die Stellung der Religion in der Öffentlichkeit. Alles in allem präsentiert sich Habermas für Joas als ein "neuer Kant", als ein "Kant der kommunikativen Vernunft und des Zeitalters nach Darwin". Daher verwundert es ihn nicht, dass gerade die Studie zu Kants Religionsphilosophie die "brillanteste" der ganzen Sammlung ist. Fest stehe zumindest, dass das Plädoyer für einen produktiven Dialog von Gläubigen und Nichtgläubigen selten so "eloquent und konzis" vorgetragen wurde wie hier.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.08.2005
Als Plädoyer für den säkularen Staat und gegen Säkularismus liest Rezensent Uwe Justus Wenzel diesem neuen Band mit philosophischen Aufsätzen von Jürgen Habermas. Wenzel bezieht sich in seiner Besprechung insbesondere auf den zentralen Aufsatz "Religion in der Öffentlichkeit", der sich mit dem Verhältnis von Religion und aufgeklärten Bewusstsein befasst, die sich nach Habermas nicht erst seit dem 11. September 2001 in einer beunruhigenden Frontstellung befinden. In dieser brisanten postsäkularen Situation solle die postmetaphysische Philosophie Habermas zufolge in ihrer einerseits abgrenzungsbewussten, andererseits offenen Haltung der Religion gegenüber zum gesellschaftlichen Vorbild zu dienen. Ihre Einstellung - "agnostisch" und "lernbereit" zugleich - solle auch der säkulare Bürger einnehmen. Während die religiösen Bürger die säkularen politischen Institutionen zu akzeptieren hätten, müssten die nichtreligiösen die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass in den Äußerungen der Religiösen "Übersetzbares", argumentativ Verallgemeinerbares schlummere. Der liberale Staat selbst habe ein Interesse "an der Freigabe religiöser Stimmen in der politischen Öffentlichkeit", da er nicht wissen könne, "ob sich die säkulare Gesellschaft sonst von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung" (Habermas) abschneide. Wenzel hebt hervor, dass Habermas dieses Modell "klugerweise" unter den Vorbehalt von Mentalitäten und "Lernprozessen" stellt, die es zur Voraussetzung hat.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.08.2005
Die Themen sind aktuell, Jürgen Habermas mischt sich ein. Etwa in die Debatte zur Willensfreiheit. Den Hirnforschern, die dem Menschen die Fähigkeit absprechen, zu wissen was er tut, weil er nur tue, was sein Hirn wolle, hält er entgegen, dass Freiheit eine Sache sei, die man auch als soziales, nicht in erster Linie als physiologisches Faktum betrachten müsse. Richtig überzeugt ist der Rezensent Detlef Horster von diesem Argument offenbar nicht - er meint, man müsse "auf derselben Ebene bleiben". Ein weiteres zentrales Thema des Bandes mit Aufsätzen ist die Frage nach der Religion und ihrer Rolle im säkularen Staat. Habermas sucht hier eine ausgleichende Position, die allerdings vor allem den religionskritischen Liberalen ins Stammbuch geschrieben scheint: Es geht nicht an, so referiert der Rezensent den Philosophen, das "Wahrheitspotential" einer religiösen Weltanschauung schlechterdings zu leugnen. Die Aufforderung, den von der Verfassung vorgesehenen Schutz der "Rechtsperson" durch einen "Gruppenrechtsschutz" zu ergänzen, liegt auf derselben Linie. Mit expliziten Wertungen hält sich der Rezensent, um Darstellung bemüht, zurück.
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