Bücherschau der Woche
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Klappentext
Sechs Jahrzehnte sind vergangen, seit Hitlers Herrschaft im Bunker unter der Reichskanzlei ihr Ende fand. Doch die Erinnerung an die NS-Zeit erscheint gegenwärtiger denn je. Liegt der Grund dafür - paradoxerweise - im Aussterben der Zeitzeugen? Und was hieße das für die Zukunft? 1945 und wir ist eine aktuelle Analyse des Umgangs der Deutschen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit. Für das Selbstverständnis der Bundesrepublik wurde der kritische Rückbezug auf die Erfahrungen des "Dritten Reiches" seit den sechziger Jahren wichtig. Nach einem langen Jahrzehnt der Verdrängung setzte damals ein, was als "Vergangenheitsbewältigung" die politische Kultur unseres Landes prägte. Diese Epoche geht nun zu Ende - nicht jedoch die Politik mit der Vergangenheit: Im Gange ist, vorangetrieben von der Generation der Kriegskinder, den späteren Achtundsechzigern, nichts weniger als eine Neujustierung unserer Geschichtsverhältnisse. In die Gedächtniskultur einer globalisierten Holocaust-Erinnerung drängt jetzt - und das ist augenscheinlich ein Problem - die intensive Verlebendigung von Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info):
1945 und wir - Leseprobe beim Verlag
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.03.2005
Es ehrt den Historiker (und mehrt seine Reputation), wenn er sich aus seinem Spezialgebiet heraustraut und sich in aktuelle geschichtspolitische Debatten einmischt, lobt Christian Semler den Zeitgeschichtler Norbert Frei, der mit seiner neuen Aufsatzsammlung eben dies tut: aktuell mitstreiten, wenn es um das Verhältnis der Deutschen zum Nationalsozialismus geht, sei es bei Themen wie dem allierten Luftkrieg oder der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. Den ersten Text "1945 und wir" hält Semler für den zugleich wichtigsten und provozierendsten des Bandes. Darin stellt Frei die Frage, ob die Deutschen in ihrem Verhältnis zur Nazizeit an einem Wendepunkt angelangt sind. Frei sehe verschiedene Anzeichen für diesen Befund: eine einebnende Erzählkultur, die an die Stelle der Kritik die Empathie treten lasse sowie eine Art Opferkonkurrenz geschädigter Kriegskinder, die selbst Altlinke umtreiben würde. Letzteres sieht Semler allerdings nicht bestätigt, und auch das von Frei angelegte Generationenschema hält er für nicht tiefgreifend genug. Seines Erachtens betreibe Frei ab einem bestimmten Punkt nur mehr Symptomatologie, bei der emotionale Subtexte mit klaren politischen Äußerungen vermengt würden. Frei habe den "Fehdehandschuh geworfen", freut sich Semler dennoch, nun müsse ihn nur noch jemand aufgreifen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.03.2005
Der Zeithistoriker Norbert Frei macht in seinem Sammelband zum Umgang der Deutschen mit der NS-Geschichte eine "Bereitschaft zum milderen Urteil" und sogar zu "Revision" aus und erklärt dies paradoxerweise mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen, konstatiert Angela Gutzeit. Geradezu "leitmotivisch" konzentriere sich der Autor auf den "Generationswechsel" im Gedenken an die Nazivergangenheit und bemängelt, es sei kein "Verdienst", damit die Erinnerung im "politischen und öffentlichen Diskurs" sowie der Zeitgeschichtsforschung zu "periodisieren". Gutzeit findet die Untersuchungen Freis "spannend zu lesen" und insbesondere die Hinweise auf "blinde Stellen" früherer Zeitgeschichtsforschung äußerst "aufschlussreich". Allerdings ist es der Rezensentin zu "schematisch und zu kurz gegriffen", wenn der Autor sämtliche Seiten der Vergangenheitsaufarbeitung ausschließlich unter dem Aspekt des "Generationswechsels" betrachtet. Denn auch die Wende von 1989/90 hat nach Meinung Gutzeits mehr im Umgang mit der NS-Vergangenheit verändert als der Autor einsehen will. Zudem würde die "zunehmende Internationalisierung des Holocaust" und die Anerkennung der Mitschuld anderer europäischer Länder an der Judenverfolgung ihr Übriges tun, um die "Schuldfrage abzuschwächen", betont die Rezensentin. Trotzdem findet sie das Buch "anregend" und sie stimmt dem Autor zu, wenn er fordert, dass auch in Zukunft das "moralische Gebot und die intellektuelle Herausforderung" bestünden, sich der Schuld "fragend zu stellen".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.03.2005
"Lesenswert" findet Dietmar Süß diesen Band, der eine Reihe von zumeist schon andernorts veröffentlichten Aufsätzen des Zeithistorikers Norbert Frei über den Nationalsozialismus und seine Nachgeschichte im "Bewusstsein der Deutschen" versammelt. Frei diagnostiziere einen erinnerungskulturellen "Gezeitenwechsel", zu dem etwa der "Abschied der Zeitgenossen" - das langsame Verstummen von Zeitzeugen, Opfern, Tätern und Mitläufern - zähle, oder die Debatte über den Stellenwert des Nationalsozialismus für die Deutsche Geschichte. Auch richte Frei seinen Blick mit der Bindekraft des Dritten Reichs und befasse sich mit den vergangenheitspolitischen Schlachten in der jungen Bundesrepublik, etwa die schwierige juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Süß? resümiert: "Freis elegant formulierten Analysen zeigen eindringlich, wie elementar ein aufgeklärtes Geschichtsbewusstsein für den Abbau kollektiver Mythen ist."
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.03.2005
Sehr hellsichtig findet Cord Aschenbrenner diesen Band des Historikers Norbert Frei, der unter dem Titel "1945 und wir" ältere Aufsätze und exklusive Beiträge zu der Frage versammelt, wie an den Nationalsozialismus seit seinem Ende in der Bundesrepublik erinnert wird. Dabei ist der Stil des Autors ebenso "glasklar" wie dessen Gedanken, versichert der Rezensent. Untergründig schwinge in dem gesamten Band die Paradoxie mit, dass uns die Vergangenheit zwar Tag für Tag weiter entrücken mag, sie dabei aber auch mit jeder Gedenkveranstaltung und jeder Fernsehserie "schärfer in unser Blickfeld" gerät. Insgesamt spricht Frei in seinem Band verschiedene Punkte an, die allesamt auf großes Interesse beim Rezensenten gestoßen sind: etwa die "Enthistorisierung" und Personalisierung der Geschichte durch "Zeitzeugen" sowie die immer mildere Sicht auf deutsche "Täter, Mittäter und Nutznießer".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 24.02.2005
Rezensent Edgar Wolfrum versichert, dass Norbert Frei sein Metier versteht. Mit seinem neuen Buch über den Umgang der Deutschen mit ihrer Nazi-Vergangenheit wolle der Historiker dem Leser "das Prekäre, das Unbehagliche" vor Augen führen. Freis Analyse geht davon aus, dass das Bedürfnis, sich an die NS-Zeit zu erinnern, gerade durch das Aussterben von Zeitzeugen verstärkt wird. In einem weiten Bogen verfolge er den bisherigen Verlauf der Vergangenheitsbewältigung und zeigt etwa für den Rezensenten überzeugend auf, dass erst Ende der 50-er Jahre der Widerstand gegen den Nationalsozialismus vom "Stigma" des Vaterlandverrats befreit wurde. In der gegenwärtigen Gesellschaft stellt der Autor dagegen einen Hang zur "Opferkonkurrenz" fest, von der man sich nicht "einlullen" lassen dürfe. Mit "messerschafen" Analysen, "luzider" und "prägnanter" Sprache trägt Frei nach Ansicht des Rezensenten dazu bei, dass der Leser es sich "nicht bequem" machen kann.
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