Bücher der Saison
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Klappentext
Aus dem Arabischen und herausgegeben von Stefan Weidner. Adonis zeigt, dass der Orient sich durchaus für eine Moderne aussprechen kann, ohne seine kulturelle Identität preiszugeben, wie es die reaktionären Kräfte stets behaupten. Die alte arabische Tradition des Wortes und des Hörens, eines Wortes, das auch der Muezzin vom Minarett herab verkündet, will er bewahren und verteidigen. Anstatt die Kultur des Westens zu übernehmen, gilt es, dem Westen abzuschauen, wie man die eigene Kultur von innen heraus kritisiert. Und so sind denn seine Verse eine poetische Kampfansage an das religiöse Establishment, die rückwärtsgewandten Kräfte und die Vertreter der rein äußerlichen, technischen Rezeption westlicher Errungenschaften.
Der zweite Band der groß angelegten Werkausgabe Adonis' enthält seine frühen Gedichte, die bereits den großen Meister zeigen. Der 1930 geborene Adonis gilt der bedeutendste arabische Dichter unserer Zeit - ein moderner Klassiker, der es wie kein zweiter versteht, eine Synthese zu schaffen zwischen der großen Tradition der arabischen Dichtung und der modernen westlichen Lyrik. Gerade diese Polyphonie ist die Lesern verschiedener Herkunft den Zugang zu seinem Werk ermöglicht.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.10.2004
Katrin Hillgruber möchte die Leser ermutigen, ihr Befremden ob der "metaphorischen Blütenfülle" und des Pathos' arabischer Dichtung zu überwinden, um zu wirklichem Genuss und Verständnis von Adonis' Lyrik zu kommen. Der stehe fest in einer Tradition, die an die "Selbst- und Weltschöpfung durch Poesie" glaubt, auch wenn er der sufistischen Tradition des Islam angehört, die orthodoxen Muslimen als ketzerisch gelte. Doch auch der "westliche Rationalismus" ist ihm der Rezensentin zufolge fremd. Von dieser ambivalenten Position aus komponiere Adonis er seine freien Verse, die mit der Form der "hocharabischen Poesie" brechen, doch ihre Metaphorik bewahren. Im Zentrum der Sammlung steht das Langgedicht "Ein Grab für New York", einem "in seiner Bildersprache schwindelerregenden Zyklus" aus dem Jahr 1971, so Hillgruber. Adonis beschwört zwar darin das Bild eines leblosen, menschenfeindlichen Amerikas herauf. "Doch nicht Hass, schreibt die Rezensentin, "sondern eine tiefe Verwundung und die Trauer über den Verlust der Humanität durchziehen dieses homerische Opus".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2004
"Gesänge von Hybris und Nemesis" hat Heinrich Detering gehört - apokalyptische Visionen eines Dichters, der nicht als Vertreter der einen oder anderen Welt auftrat, damals, 1971, als er sein Langgedicht "Ein Grab für New York" verfasste, sondern als "Abtrünniger jeder Fraktion" und als Prophet. "Es sind unsere Gedichte, die Adonis damals schrieb. Wir hätten sie lesen sollen, solange noch Zeit war." Solange, meint Detering, noch keine Flugzeuge in Wolkenkratzer stürzten - denn hier werde der Angriff der "Dritten Welt" schon vorweggenommen. Wortstark beschwört Detering die herausragende Stellung von Adonis, seinen "gebrochenen Pathos", seine poetische Suche nach einer antitraditionellen arabischen Moderne, die "archaische Mystik und westlichen Vitalismus" verschmilzt. Adonis ist in seiner mittleren Schaffensphase, aus der diese Gedichte stammen, zur Stimme derjenigen geworden, die zwischen allen ideologischen Stühlen - eine Stimme, so Detering, die Albträume herausschreit, aber auch flüstern kann. "Atemberaubend"!
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2004
Im Hinblick auf den 11. September klingt der Titel dieses nach dem Gedicht "Ein Grab für New York" von 1971 benannten Bandes, der ausgewählte Gedichten des syrischen Dichters Adonis versammelt, für Rezensent Ludwig Ammann schon ein wenig unheimlich. Aber er versichert, dass zwischen Adonis' Wortgewalt und dem Terror der al Qaida Welten liegen. Ammann sieht in ihm gar den "radikalsten Modernisten arabischer Zunge", der Gott für Tod erklärt habe. Angesichts der arabischen Misere, des Rückstandes der arabischen Kultur, plädiere Adonis für einen radikalen Wandel, wofür er auch Zeugen aus der Vergangenheit, Neuerer wie den Dichter Abu Nuwas, anrufe. In seinem Nachwort schildere Herausgeber und Übersetzer Stefan Weidner die zum Verständnis "unverzichtbare Kulturtheorie" des Dichters. Die "kulturelle Wiedergeburt" betreibe Adonis konsequent als Futurist, der schöpferische Zerstörung predige. Ammann hebt hervor, dass in Adonis' Gedichten keine private, sondern eine öffentliche Stimme spreche, woran sich "vom lyrischen Intimton des Bekennens konditionierte Ohren" erst gewöhnen müssten. Dann allerdings mache Adonis "trunken". Auch ein Verdienst von Weidner, dem trotz einiger "syntaktischer Manierismen" eine "klangvolle Übertragung" gelinge.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.10.2004
So aktuell der Titel klingen mag, der titelgebende Zyklus von Prosagedichten stammt aus dem Jahr 1971. Aktuell aber sind die Texte sehr wohl, denn was aus ihnen spricht, ist, wie der Rezensent Lothar Müller betont, keine Stimme der Versöhnung, sondern zu gleichen Teilen Poesie und Zorn. Tatsächlich ist der Gedichtzyklus ein "Hassgesang auf New York" in der Endphase des Vietnamkriegs. Müller liefert Hintergründe zur Biografie des 1930 geborenen Dichters, der sein Pseudonym weniger im Hinblick auf die sagenhafte Schönheit des Adonis, als auf seine "vorderorientalisch-phönizischen Ursprünge" wählte. Damit verbunden war "die aktuelle politische Hoffnung auf ein Großsyrien als Erbe des antiken Phönizien". Das ist lange vorbei, die Besinnung auf die eigene, arabische Tradition bleibt entschiedene Position des Dichters Adonis. Nicht als Widerstand gegen die Moderne von Baudelaire bis Eliot, sondern als eigenständige arabische Moderne ohne Mimikry an den Westen. Dies der Anspruch des Ichs im Gedicht, den der Dichter nach Ansicht des Rezensenten wohl auch einlöst: "Es ist und will arabische Stimme sein."
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