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zuletzt aktualisiert 11.03.2010, 16.32 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Thomas Brussig

Wie es leuchtet

Roman

Cover: Wie es leuchtet

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN-10 3100095804
ISBN-13 9783100095800
Gebunden, 672 Seiten, 19,90 EUR

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Klappentext

Sommer 1989 bis Sommer 1990 - als alle über Ungarn rübermachen, die Mauer fällt und Deutschland Weltmeister wird. Thomas Brussig erzählt von der rollschuhfahrenden Lena, die den Wendehit schreibt, von Lenas großem Bruder, dem einzigartigen Leica-Fotografen, von Leo Lattke, dem Starreporter, der gerade jetzt in eine Schreibkrise kommt, erzählt von Alfred Bunzuweit, dem furzenden Direktor des Palasthotels, von Jürgen Warthe, dem Bürgerrechtler, von Gisela Blank, der begnadeten Rechtsanwältin, oder auch von dem 19-jährigen Albino, der für einen Weltkonzern eine Volkswirtschaft sondiert. Thomas Brussig schildert eine Zeit des Aufbruchs, der neu gewonnenen Freiheit, der Unsicherheit, eine Zeit, in der alles möglich war, nichts undenkbar und mehr passierte, als man es je zu träumen wagte. Niemand hat bislang das Lebensgefühl dieser Zeit so farbig und so genau in Bilder und Worte gefasst wie Thomas Brussig.

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.03.2005

Im Gegensatz zu anderen Literaturkritikern, die Thomas Brussigs neuem Roman bei aller Unterhaltsamkeit angeblich keine lange Haltbarkeit bescheinigen wollte, erinnert sich Rezensent Wolfgang Lange "lebhaft" an "nicht wenige" der ungefähr tausendundeinen Geschichten. Brussig porträtiert in seinem "buntscheckig angelegten" Buch verschiedene Protagonisten der deutschen Wende. Dabei sieht er in den Ereignissen zwischen 1989 und 1990 weniger die Revolution oder ein "schicksalsträchtiges" Geschehen, sondern betont das Rausch- und Farcehafte der Wende. Etwas "in der Art des Doktor Faustus" dürfe man also nicht vom Autor erwarten, warnt der Rezensent; dafür aber einen Pop-Roman, bei dem keine "Langeweile" aufkommen kann. Schließlich scheue Brussig weder "melodramatische" Szenen noch "Clownesken" und fessle den Leser mit einer einfachen, aber bisweilen erfreulich "vulgären" Sprache. Und schließlich bleibt der Autor auch nicht nur an der "plakativen" Oberfläche des Geschehens: Seine Satire "wirft Fragen auf" und provoziert den Leser, lobt Lange, die Wende auch einmal als "unaufgeklärten Komplex" zu sehen.

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.12.2004

Dass Thomas Brussig mit seinem neuen Roman den "hehren" Zweck verfolgt, einen "Bericht über die Lage der Nation erzählerisch auszubreiten", weiß Rezensent Martin Lüdke zu würdigen. In dem Buch, das sich mit der Wende 1989/90 auseinandersetzt, entfaltet Brussig ein "breites Panorama", schildert eindrucksvoll die Stimmung der Zeit, die große Anfangseuphorie der Wendezeit, die dann schnell in Enttäuschung kippte, lobt Lüdke. Dies alles will Brussig am Schicksal seines Personals "ablesbar" machen, verwendet dazu die "verschiedensten Stilmittel", angefangen bei der Rollenprosa, über den inneren Monolog bis hin zum Gedicht. Doch obwohl manche der Episoden "wahre Glanzstücke" sind, ist der Kritiker letztlich enttäuscht: da vielen Episoden die Tiefenschärfe fehlt, verlieren sie rasch ihre Wirkung, beklagt der Kritiker. Obwohl sich das Buch "gut liest", obwohl Lüdke bis zum Ende gerne dabeigeblieben ist, fand er es doch letztlich oberflächlich. "Es fehlt: Geschichte."

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2004

Süffig und pfiffig geschrieben und streckenweise sehr unterhaltsam zu lesen findet Rezensent Martin Halter diesen Roman von Thomas Brussig. So richtig gut hat er ihm trotzdem nicht gefallen. Am Ende erscheint ihm der Roman als die "größte fiktive Reportage aller Zeiten" und sein Autor reif für den "Tom-Kummer-Gedächtnis-Preis" - in Anspielung an jenen Journalisten, der seine besten Interviews selbst erfand. Zu bemüht scheint "Zonenkasper" Thomas Brussig zeigen zu wollen, dass in ihm ein ostdeutscher Grass oder Irving, "wenn nicht gar ein Balzac vom Prenzlberg" steckt. In dieser Menschlichen Komödie des Wendejahres wolle Brussig noch einmal alles zum Leuchten bringen: den Fall der Mauer, die Orgie der Freiheit samt ihrer tragischen Peripetie auf der Silvesterfeier am Brandenburger Tor, sowie alle Peinlichkeiten, Ängste und Ernüchterungen. Das Weitwinkelobjektiv dieser Prosa erfasst Halter zufolge zu diesem Zweck "Blinde und Geblendete", "Spitzel und Spießer". Seine Enzyklopädie arbeite sämtliche Stichworte von Aldi bis Zwickau ab. Brussig lasse Gefühl und Verstand sprechen, skizziere derbe Burlesken, zarte Grotesken oder erschütternde Tragödien. Insgesamt bleibt das Buch für den Rezensenten aber ein Torso und den darin an- und ausgeknipsten Figuren und Geschichte zu wenig Platz, um sich zu entwickeln.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.10.2004

Hinter Thomas Brussigs neuem Roman "Wie es leuchtet" vermutet die Rezensent Kristina Maidt-Zinke ein "doppeltes Dilemma": Zum einen wolle der Autor, der bislang vornehmlich ein "Talent für das Pikareske, Burleske und Groteske" bewiesen hat, von seinem Ruf als "lustiger Mauerspecht" abrücken, und zum anderen verfüge er über einen "überquellenden Vorrat von Eindrücken und Einfällen", denen jedoch die "zündende Idee" fehle. Und so komme der Roman wie "ein mit Leitungswasser gestreckter Cocktail" daher: Brussigs gelungenen Passagen - "schöne Schelmenstücke" sowie "anrührende Miniatur-Tragödien" - gehen in einer "wildwuchernden Figurenfülle" unter, die "zuviel Dünnes und Entbehrliches" enthält, meint die Rezensentin. An sich nicht verkehrt, findet sie, doch statt das "Disparate" konsequent zum Erzählprinzip zu erheben, habe Brussig versucht, "zwei eher uninteressante Akteure" zu tragenden Figuren zu machen. Völlig überflüssig erscheinen der Rezensentin die sexuellen Traumata, mit denen Brussig seine zwei Hauptfiguren behaftet. Da sieht sie es schon lieber, wenn der Autor seine "genitalen Obsessionen" deftig auslebt, in Form von Figurennamen wie "Lattke" oder "Schniedel". Darum das Fazit: Der lang erwartete, große Wenderoman ist "Wie es leuchtet" nicht, eher ein "Stimmungsbild" der Wendezeit.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.10.2004

Mit diesem "großen Wenderoman", vermutet die Rezensentin Maike Albath, wollte Thomas Brussig sein Image als Komiker abstreifen und eine "Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte" liefern, ein "Panorama exemplarischer Schicksale", das nicht "satirisch verzerrt" daherkommt, sondern "historische Tiefenschärfe" besitzt. Um nicht einseitig und karikierend zu wirken, verstreue Brussig also die Merkmale von DDR und BRD (in deren verschiedenen Ausprägungen) unter dem sehr zahlreichen Romanpersonal. Dies gerät ihm leider trotzdem "allzu parabelhaft" und lässt den Text "überfrachtet" wirken, bedauert unsere Rezensentin. So auch die große Fülle an Figuren, in der laut Albath ein entscheidendes Problem des Romans liegt: In der Tat erinnert sie die rasante Choreografie der verschiedenen Biografien an eine "Nummernrevue". Die nötige "Tiefendimension" seiner Protagonisten zaubere Brussig durch das Trauma des sexuellen Missbrauchs hervor, was von der Rezensentin mit dem Schlagwort "Zwangstragik" quittiert wird. "Wie es leuchtet", so ihr Fazit, ist - den Bemühungen des Autors zum Trotz - eben doch kein Epochenroman.

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