Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
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Klappentext
Es war ein ungarischer Autor und "intellektueller Flaneur", der die erste bedeutende deutschsprachige Filmtheorie lieferte: Bela Balazs legte mit "Der sichtbare Mensch" (1924) und "Der Geist des Films" (1930) zwei Werke vor, die bis heute ihre Bedeutung für Film und Theorie nicht verloren haben. Loewys Studie, die erstmalig Balazs' Werk prozesshaft biografisch, und ideengeschichtlich rekonstruiert, setzt seine Ästhetik des Kinos in einen engen Konnex zu einer Ästhetik des Märchens und dessen zentraler Erlebnisfigur: der Initiation. Dabei scheint immer wieder Balazs' Versuch auf, die als widersprüchlich erlebte Einheit von Leben und literarischem Schaffen - einschließlich der Reflexionen zum Film -, das Schreiben im Zustand der Entfremdung zu überwinden in der Utopie einer neuen visuellen Kultur.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.11.2004
Schöpferische Menschen können ganz schön kompliziert sein. Bela Balazs zum Beispiel war "Dichter, Romancier, Drehbuchautor, Feuilletonist und Essayist", vermerkt der Rezensent György Feheri in seiner sehr wohlwollenden Kritik und fügt gleich an, dass Hanno Loewy noch mehr Dimensionen dieses Autors zu erfassen hatte - nämlich seine Heimat in zwei Kulturen, seine Liebe zu Märchen und Marx zugleich sowie seine Freundschaft mit György Lukacs, der ebenfalls eine sehr komplizierte Person war. Gerade will man aufstöhnen, als Feheri wunderschön den bei Loewy ausgeführten Gegensatz zwischen Lukacs und Balazs darlegt: Der eine hatte die Revolution als Apokalypse stets fest im Blick, während der andere vorerst noch ein paar Märchen über zart schwebende Seelenzustände verfasste. Und das alles hat Loewy lauf Feheri ordentlich und gelehrt, aber nicht pedantisch in ein Buch zusammengefügt und zwar so, dass man nebenbei eine Menge über ungarische Literatur, die Geschichte des Kinos und Balazs' "faszinierende Gedankengänge und wunderschöne Texte" erfährt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2004
Lange war der ungarische Autor, Kritiker, Essayist, Librettist und Theoretiker Béla Balazs vor allem als Autor des filmtheoretischen Buches "Der sichtbare Mensch" bekannt. Nicht ganz zu Unrecht, wie der Rezensent László M. Földényi meint, denn sein Wesentliches habe er wohl tatsächlich auf diesem Gebiet geleistet. Wieso es sich so verhält, vor welchem Hintergrund das aber geschah, das sei in dieser sehr informierten Biografie nachzulesen. Loewy schildert die ungarische Jugend Balazs', seine von Konkurrenzen nicht freie Freundschaft mit Georg Lukacs, das Verhältnis zum Berliner Mentor Georg Simmel. Er deutet Balazs als einen, der im Film seine liebste Gattung wiederentdeckt hat, das Märchen - und der deshalb im Filme eine Volksgattung sieht, die er mit den mittelalterlichen Kathedralen zu vergleichen sich nicht scheut. Földényi lobt die Monografie als "ganz ausgezeichnet" und prophezeit, dass sie ein so bald nicht zu übertreffendes Standardwerk bleiben wird.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.10.2004
"Ja, es ist ein Dissertation", gesteht Andreas Isenschmid gleich zu Beginn. Die aber, "ein bisschen Theoriefreude vorausgesetzt", ein "aufregenderes" Leseerlebnis biete als "so mancher Roman". Bisher war Bela Balazs nur einigen Wenigen als Filmtheoretiker bekannt, vermutet der Rezensent. Aus Hanno Loewys Biografie könne man nun erfahren, dass der ungarische Autor unter anderem Bartoks Librettist, Leni Riefenstahls Mitarbeiter oder Wanda Jakubowskas Berater bei ihrem Spielfilm über Auschwitz war. Einen "Sturm des Staunens" entfacht Loewy bei dem Rezensenten mit diesen Enthüllungen, der sich zu einem Orkan steigert, wenn der Verfasser zeigt, was dieses "disparate Leben im Innersten zusammenhält": die Sehnsucht nach der untergegangenen Einheit des Lebens. Loewy kann für seine Rekonstruktion erstmals aus Balazs' Tagebuch zitieren. Wenn der Verfasser allerdings "mit großer Kelle aus Cassirer, Bergson oder Simmel" schöpft, möchte ihn Isenschmid zunächst bremsen, zieht dann aber wieder zurück, weil er den Umfang von Loewys "Zettelkasten" letztlich "nur bewundern kann".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2003
Woher Bela Balazs kam, dieser Frage, berichtet Rezensent Thomas Meder, geht Hanno Loewy in dieser Dissertation nach - die, wie Meder lobt, "als intellektuelle Biografie im guten Sinn gelten darf". So zeige Loewy etwa das "Herumexperimentieren" von Balazs, in seiner ungarischen Zeit, mit der Frage, "wie einer leben soll, der tausend Talente hat". Denn der Filmtheoretiker war damals noch, wie man erfährt - und wovon vieles, wie Meder lobt, "durch Loewys Recherche erstmals aufgedeckt" wird - noch Romanautor, Novellist, Dichter, Dramatiker und erfolgreicher Verfasser von Märchen zugleich. Außerdem bietet Loewys Buch, wie man weiter erfährt, auch die Sicht von Balasz selbst auf diese Zeit, in einer Übersetzung seines Tagebuchs, das "konstant bis 1922 berichtet". So zeichne Loewy, berichtet Meder, den Weg von Balasz nach, hin zur Lebensphilosophie und seinem zentralen Credo - das der Rezensent so wiedergibt: "Im realen Leben ein rechtes Mängelwesen, kann sich der Mensch im Kunsterlebnis selbst komplettieren."
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