Aus dem Französischen von Michael Tillmann. Luc Boltanski und Eve Chiapello beschreiben den Kapitalismus als ein normatives System, dem es unter sich wandelnden Bedingungen immer wieder gelingt, Menschen zu gewinnen und davon zu überzeugen, sich am Prozess der kapitalistischen Akkumulation zu beteiligen. Den Autoren zufolge verdankt der Geist des Kapitalismus sein Anpassungsvermögen der gegen ihn gerichtete Kritik und seiner Fähigkeit, diese Kritik konstruktiv zu verarbeiten. In seiner jüngsten Ausprägung wurzelt er im Mai 1968, als sich Künstler und Intellektuelle gegen sämtliche durch den Kapitalismus bedingten Prozesse der Entfremdung auflehnten. Der neue Geist des Kapitalismus definiert sich durch Flexibilität, Mobilität, Kreativität und Eigenverantwortung, die die employability der Menschen bestimmen. Wer über diese Eigenschaften verfügt, kann die Möglichkeiten nutzen, die der projektbasierte Kapitalismus des 21. Jahrhunderts bietet. Zugleich stellt sich aber die Frage der Gerechtigkeit, vor allem für jene, die nicht Teil der vernetzten Welt des projektbasierten Kapitalismus sind.
Luc Boltanskis und Eve Chiapellos in der Tradition von Pierre Bourdieus und Robert Castels Gesellschaftsanalysen stehende Studie "Der neue Geist des Kapitalismus" hat Rezensent Berthold Vogel rundum überzeugt. Als Triebfeder der Veränderungen des "kapitalistischen Geistes" fungierten für Boltanski und Chiapello vor allem die von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen formulierte Kritik am Kapitalismus. Insbesondere in der "Künstlerkritik", die in den 60er Jahren die bürgerliche Gesellschaft als bürokratisch und autoritätsfixiert kritisierte, erblicken die Autoren ein treibendes Moment der Veränderung. Dadurch angeregt, richte sich der neue Geist des Kapitalismus ebenso gegen Bürokratie und Beamtenstatus wie gegen den Wertkonservatismus der Kirche oder gegen den Verpflichtungscharakter traditioneller Familienformen, lehne also alle Institutionen und Sozialformen ab, die Grenzen ziehen und beibehalten wollen. Stattdessen setze der Kapitalismus auf die Vorstellung einer Welt, die als "Netz und Projekt" funktioniere. Boltanskis und Chiapellos umfassende Analyse dieser "konnexionistischen Welt" liegt nach Ansicht Vogel auf "auf der Höhe der Zeit".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 12.12.2003
Mit ihrem Werk "Der neue Geist des Kapitalismus" haben Luc Boltanski und Eve Chiapello die alten Theorien von den Widersprüchen des Kapitalismus "auf den neuesten Stand" gebracht, befindet Rezensent Martin Hartmann. Dass der Kapitalismus auch heute noch Rechtfertigungsmuster benötigt, die ihn attraktiv machen, ihn ethisch aufladen, nennt Hartmann als eine der Kernthesen des Buches. Boltanski und Chiapello untersuchen, wie der Kapitalismus Argumente der Kapitalismuskritik der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, eine Kritik vor allem an dessen unpersönlicher Fabrikdisziplin, zu eigen gemacht hat. Der "Geist" des Kapitalismus setzt sich heute zusammen aus Schlagworten "Vernetzung", "Teamarbeit", "Vision", "Kompetenz", "Flexibilität", "Innovation", "Leadership" und "Selbstorganisation", berichtet Hartmann. Die Autoren können zeigen, dass der "neue" Kapitalismus fortwährend Bedingungen schaffe, die der Verwirklichung authentischer Lebensentwürfe entgegenstehen, und dabei erfolgreich sei, weil er vorgebe, das Gegenteil zu tun.
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