Bücherschau der Woche
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Klappentext
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Nach dem Beben, sechs Erzählungen, die Haruki Murakami schrieb, als die japanische Insel bebte und ein Giftgasanschlag die Gesellschaft erschütterte. Fünf Tage und Nächte verbringt die Frau eines Verkäufers für Hifi-Geräte vor dem Fernsehen mit den Katastrophenbildern vom Erdbeben - dann verlässt sie ihren Mann, der sich mit einem mysteriösen Päckchen auf eine Reise begibt. Eine Wahrsagerin sieht tief in die hasserfüllte Seele einer Ärztin, die einem Mann aus Kobe, der ihre Hoffnungen zerstört hat, den Tod wünscht. Die vierzehnjährige Sara begegnet in ihren Alpträumen dem Erdbebenmann, der sie in eine Kiste sperren will. Und der Bankangestellte Katagiri hat in seiner Wohnung Besuch von einem Riesenfrosch, der Tokyo vor der Zerstörung durch einen Wurm retten will. Aber der zwingendste Charakter von allen ist das Erdbeben selbst.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.11.2003
Leopold Federmair sieht Haruki Murakami mit diesen sechs neuen Erzählungen seinen Kritikern um die "entscheidende Nasenlänge voraus", vermutet er doch in diesen "beunruhigenden" Erzählungen eine mögliche "ironische Auseinandersetzung" mit einem spöttischen Bild, das zuletzt über ihn im Umlauf war: Seine neuesten Arbeiten seien wie Donuts, "außen fett glänzend, innen leer". Gewissermaßen habe Murakami nämlich genau die innere Leere in einem so leidenschaftslosen Land wie Japan beschrieben, in seinen Figuren durch die "stille Resignation" noch bereichert, so der eindeutig auf der Seite des Schriftstellers stehende Rezensent. Mit "liebevollem Desinteresse" beschreibe er mitunter kafkaesk ihre "kampflose Anpassung an die Vorgaben des Schicksals. Zudem sei das Buch noch "bewundernswert konstruiert", dessen Erzählungen sich indirekt alle auf das Erdbeben von Kobe beziehen.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.11.2003
Wie eine schlichte Hymne liest sich Detlef Kuhlbrodts Besprechung von Haruki Murakamis Erzählband "Nach dem Beben". Richtig verstehen kann man Murakamis "Gegenwelten" erst, wenn man "im Hinterkopf behält", dass in Japan Urlaub ein "Fremdwort" ist, erklärt er. Denn Murakamis Helden, so der Rezensent weiter, verlassen aus irgendeinem Grund das geregelte Leben, nehmen eine "Auszeit" (oder müssen sie nehmen) und beginnen, im "Nichtstun", "im luftleeren Raum", sich wieder zu ordnen. Was in dieser plötzlichen Offenheit geschehe, sei niemals Zufall, sondern eher die Entdeckung einer Welt voller Zeichen, die es zu lesen gelte, die einen Sinn, wenn auch nur "einen gewissen Sinn" ergeben. Die sechs Geschichten in "Nach dem Beben" spielen zur Zeit des Bebens in Kobe, 1995. Doch es gehe Murakami nicht darum, das Beben an sich sinnfällig zu machen, als den "plötzlichen Einbruch des Erhabenen". Die Bedeutung sei immer konkret und individuell, jeder Figur eigen, auf dem Hintergund des "als Abwesendes präsenten" Bebens. Ob dies nun der Hass einer verlassenen Frau sei, die hofft, der Mann sei in Kobe umgekommen, oder ein Angestellter, dem ein "mannsgroßer Frosch" verkündet, er müsse mit ihm den "Wurm" bekämpfen, andernfalls werde auch Tokio einem Beben zum Opfer fallen. "Nach dem Beben" liest sich wie ein "schlüssiges Konzeptalbum, in dem einzelne Stücke (..) ähnliche Themen variieren, einander kommentieren und aufeinander verweisen", schließt ein begeisterter Rezensent, der schon gespannt auf den nächsten Murakami wartet.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2003
Haruki Murakamis Geschichten nehmen zwar auf das Erdbeben von Kobe Bezug, schreibt Hans-Peter Kunisch, irgendwie - aber wie genau, das weiß man nicht. Sie handeln nicht von der großen Erschütterung, sondern spielen an ihrem Rand, wo irgendetwas passiert, was ein Nachbeben sein könnte, aber auch etwas anderes. Eine Frau schaut sich die Bilder der Katastrophe im Fernsehen an und verlässt dann ihren Mann: "Wegen des Erdbebens? Offenbar ja, aber warum?" Der Mann fährt weg, aber auch er weiß nicht warum - die Figuren scheinen ihr Innerstes nicht zu kennen, ihre Beziehungen bleiben unerklärlich und durch unsichtbare Fäden verbunden mit dem Beben an einem anderen Ort, Fäden, aus denen Murakami seine "verführerische Mischung aus Beiläufigkeit und Melancholie" spinnt. Seine Geschichten, schreibt Kunisch, "spielen immer an der Oberfläche, sie gehen nur Zentimeter unter die Haut, und selbst ihre Tiefen wirken manchmal wie aus der Retorte. Aber diese Retorte hat immer auch etwas vom Geheimnis eines Märchens."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2003
Zwei Katastrophen in engstem Zeitabstand haben die Japaner im Jahr 1995 traumatisiert, ruft Ludger Lütkehaus in Erinnerung: der Giftgasanschlag in der Tokyoter U-Bahn sowie das Erdbeben in Kobe. Ausgerechnet der japanische Erfolgsautor Haruki Murakami, der sonst eher für "surrrealistische Monsterromane" und "Liebesromane mit semipornografischem Inhalt" verantwortlich zeichnet, so Lütkehaus etwas abfällig, hat sich beider Katastrophen literarisch angenommen. Schon sein "Untergrundkrieg" über den Anschlag der Aum-Sekte in der japanischen Hauptstadt hatte Lütkehaus durch die "Verbindung von genauer Beobachtung mit humaner Empathie" beeindruckt. Anders als im "Untergrundkrieg" nähere sich Murakami der Katastrophe diesmal nicht direkt aus Sicht der Betroffenen, sondern indirekt durch den medial vermittelten Reflex, der deutliche Spuren im Leben seiner Erzählfiguren hinterlasse, ihr Leben entscheidend verändere. "Die Katastrophe als Katalysator", stellt Lütkehaus fest. Wie bei Krisen so üblich, seien positive wie negative Folgen zu gegenwärtigen. Die große Spannung dieser sechs Erzählungen ergebe sich, so Lütkehaus, aus dieser Ambivalenz, nur dass Murakami, darin sich als Erzähler treu bleibend, meist ein offenes Ende wähle. Murakami-Figuren sind eher Beobachter als Handelnde, meint Lüdkehaus, aber das schließe die Empathie eben nicht aus.
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