Perlentaucher - Das Kulturmagazin

Anmelden | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 20.03.2010, 13.13 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Elena Guro

Lieder der Stadt

Prosa und Zeichnungen

Friedenauer Presse, Berlin 2003
ISBN-10 3932109333
ISBN-13 9783932109331
Gebunden, 32 Seiten, 9,50 EUR

Bestellen bei Buecher.de

Klappentext

Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Peter Urban. Ganz im Gegensatz zum kämpferischen Impetus und dem Getöse, mit dem die Futuristen in der Öffentlichkeit auftraten, ist der Ton Elena Guros, die sich (wie auch Chlebnikov) konsequent von öffentlichen Disputen ferngehalten hat, ein leiser, nachdenklicher, von ihrer "heimlichen Liebe" gegenüber allem Lebenden getragener Ton, zart, einfühlsam, verzaubert von der Natur und ihren Mysterien. Ihre fragmenthafte Prosa, die, auch darin der Chlebnikovs verwandt, oft in freie, reimlose und experimentelle Verse übergeht, trägt noch impressionistische Züge und bringt mit ihrer Zartheit und Nachdenklichkeit einen in der russischen Literatur so nie gehörten Ton hervor.

Möchten Sie dieses Buch kommentieren?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2004

Nur kurz stand die russische Dichterin und Malerin Elena Guro auf der öffentlichen Bühne, von der die Futuristen lautstark ihre Manifeste verkündeten. Das lag daran, erklärt Reinhard Lauer, dass Guro bereits 1913 im Alter von 36 Jahren starb und dass sie außerdem eine Dichterin der leisen Töne war, wenn auch nicht minder radikal. Die Parolen ihrer Futuristenfreunde hat sie jedenfalls, stellt Lauer mit Vergnügen fest, nicht befolgt. Guros Neuerertum besteht für ihn in ihrem synästhetischen Weltempfinden, ihrer feinfühligen Annäherung an die Natur, Tiere, Menschen, in ihrer Fähigkeit, Stimmungen aufzuspüren und in einer freien Sprache, von Prosa in Verse übergehend, auszudrücken. Die Grafik und vor allem die Phonetik der Wörter hatten für Guro Priorität vor dem Sinnzusammenhang, erläutert Lauer fasziniert. "Musikalischer Symphonismus" habe Guro ihr Programm genannt. Auch in Russland sei Elena Guro nur wenigen bekannt, weiß der Rezensent und spricht dem Herausgeber und Übersetzer Peter Urban ein großes Kompliment für seine Auswahl aus.

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.12.2003

Elena Guro stellt eine große Ausnahme im Kreis des männlich dominierten russischen Futurismus dar, erklärt Ralph Dutli, der Guros Dichterkollegen selbstherrliche lautstarke Gesten unterstellt. Wie sich der literarische Futurismus in Russland mit einer stärkeren weiblichen Komponente weiterentwickelt hätte, darüber kann Dutli nur spekulieren, denn die einzige Frau unter ihnen, Elena Guro, verheiratet mit Matjuschin, starb 1913 im Alter von 37 Jahren an Leukämie. Guros Futurismus ist naturbezogen, schwärmt Dutli, ein "panpoetischer Futurismus", von dem eine starke poetische Leuchtkraft ausgehe. Nicht so sehr die Stadt, sondern die Natur faszinierte sie, erzählt Dutli, der ganz bezaubert von den zarten Sätzen der Dichterin scheint. Selbst wenn es Guro in der Stadt umgetrieben hätte, so der Rezensent, dann wäre diese beseelt, von Energie durchdrungen gewesen. Nicht das Grelle, sondern das "verhalten Blühende", das "sanft Erkannte", hätten es Guro angetan. Bedauerlich ist in Dutlis Augen, dass die anderen Futuristen Guros zarter Stimme, ihrer "Barfüßer-Poesie" sowenig Beachtung schenkten, und umso erfreulicher, dass die Friedenauer Presse dieser Doppelbegabung in Text und Bild in der bewährten Übersetzung von Peter Urban einen schönen kleinen Band widmet.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.09.2003

Jelena Guro war eine Ausnahmeerscheinung in der russischen Literatur, schwärmt Ilma Rakusa, eine Künstlerexistenz im Übergang zweier Epochen des vorrevolutionären Russland. Guro malte, dichtete und schloss sich 1910 einem Petersburger futuristischen Kreis an, dessen künstlerischen Weg sie aufgrund ihres frühen Todes nicht nachfolgen konnte. Rakusa äußert Zweifel, ob sich Guro mit der späteren Rigorosität der Futuristen hätte anfreunden können. In ihren Augen war Guro eine äußerst sanfte Person, die sich allem Lauten und Propagandistischen verschloss. Stattdessen verband sie eine ganz kindliche Wahrnehmung mit sprachlichen Neuerungen, verband Lautpoesie und Kinderverse, Naturbeschreibungen und Märchenwelt, schreibt Rakusa. Guro fand dabei zu einem ganz unverwechselbaren Ton, preist Rakusa die Autorin. Der Übersetzer Peter Urban hat für die Friedenauer Presse eine "aparte" Auswahl aus Guros schmalem Werk getroffen, die Prosaminiaturen und einige Gedichte, aber auch Zeichnungen der Guro enthält. Auch wenn der Band "Lieder der Stadt" heißt, war Guro, beteuert Rakusa, eine überzeugte Anti-Städterin, deren eigentliches Reich die Natur war, der sie sich franziskanisch-demütig genähert habe und ohne jenen "herrischen Gestus der Futuristen".

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Bücher von Lesern empfohlen

Buch: Eine iranische Liebesgeschichte zensierenShahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren
Aus dem Englischen von Ursula Ballin. Ein iranischer Schriftsteller ist es leid, immer nur düstere Romane ...

Buch: Dein Gesicht morgenJavier Marias: Dein Gesicht morgen
Aus dem Spanischen von Elke Wehr. "Wollte Gott, dass niemand uns jemals um etwas bittet oder auch nur fragt, ...

Archiv: Bücherschauen

Vexierspielkünstler

20.03.2010: Die FAZ hat Denis Johnsons Thriller "Keine Bewegung!" gelesen und freut sich über das Gespür des Autors für kriminelle Loser. Die FR folgt der zehnjährigen Dora durch Jacques Roubauds Abenteuer und Geheimnis verheißenden "Verwilderten Park". Sehr anregend findet die NZZ Eric Hobsbawms Buch über "Globalisierung, Demokratie und Terrorismus". Die taz spürt einen Hauch von Erlösung in Don DeLillos Roman "Der Omega-Punkt". Mehr lesen

Archiv: Vorgeblättert

Francois Walter: Katastrophen

15.03.2010: Für die Natur gibt es keine Katastrophen, nur für die Menschheit. Der Schweizer Historiker Francois Walter hat eine Kulturgeschichte ihrer Bewältigung geschrieben und der Sinnsuche des Menschen: Strafe Gottes, Prüfung der Gottesfürchtigen sowie Ansporn zu neuen technischen Entwicklungen. Hier eine Leseprobe aus "Katastrophen". Mehr lesen

Betina Gonzalez: Nach allen Regeln der Kunst

11.03.2010: Im Erstlingsroman der Argentinierin Betina Gonzalez begibt sich eine Tochter auf die Suche nach den Spuren ihres Vaters, eines mittelmäßigen Bildhauers, und nimmt Kontakt mit seinen Geliebten auf. Hier eine Leseprobe aus "Nach allen Regeln der Kunst". Mehr lesen

Necla Kelek: Himmelsreise

08.03.2010: Passend zum 8. März: Necla Kelek kämpft in ihrem neuen Buch für eine aufgeklärte Lesart des Koran, informiert über Entstehung und Hintergründe und stellt fest: Auf den Koran kann sich nicht berufen, wer für Kopftuch und fünf Pflichtgebete am Tag plädiert. Lesen Sie hier ein Kapitel aus "Himmelsreise". Mehr lesen

Archiv: Buchautoren