An einem Freitag im Frühjahr 1952 wird Lenka Reinerova verhaftet und ins Prager Untersuchungsgefängnis gebracht. Die Haftbedingungen sind menschenverachtend, tagsüber darf sie sich weder setzen noch legen, sie erhält keinen Ausgang, darf keine Post empfangen, geschweige denn schreiben. Nachts muß sie auf dem Rücken liegen, die Hände auf der Decke. Die Glühbirne brennt die ganze Nacht. Viel schlimmer als die Haftbedingungen ist für Lenka Reinerova jedoch, daß sie nicht weiß, was man ihr vorwirft. Seit ihrer Jugend war sie Kommunistin, verlor als Jüdin ihre gesamte Familie und verlebte die Kriegsjahre im rettenden mexikanischen Exil. In der Zelle helfen allein ihre intensiven Erinnerungen, die schreckliche Zeit der Haft und Ungewissheit zu überstehen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 12.08.2003
Die Memoiren von Lenka Reinerova, der letzten in deutscher Sprache schreibenden Autorin Prags, haben Rezensent Michael Grus sehr beeindruckt. Nach dem Exil während der Nazi-Besetzung der Tschechoslowakei kehrte Reinerova nach Prag zurück, wo sie, Kommunistin und Intellektuelle jüdischer Herkunft, beim Rundfunk arbeitete, bis sie von eigenen Kampfgefährten für fünfzehn Monate in Haft genommen wurde, berichtet Grus. Wie er ausführt, entwickelt Reinerova aus der Verhörsituation in Haft die Struktur des vorliegenden Memoirenbandes: die Inquisitoren fungierten als Stichwortgeber für Erinnerungen an die Stationen eines wechselvollen, von Exil, Haft und Schreibverbot geprägten Lebens. Ihre Schilderungen sind nach Grus' Einschätzung stark "von persönlichem Erleben" geprägt, weswegen man "scharfe politische Analyse" eher nicht erwarten dürfe. Dafür entschädige Reinerova den Leser durch "unverfälschte Offenheit" und ihre "genaue Beobachtung". Er hebt insbesondere Reinerovas optimistische Grundeinstellung hervor, die nur bei "vordergründiger Lektüre" naiv erscheine.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 26.07.2003
Gegenstand dieser bedrückenden Erzählung ist die Zeit, die die Autorin Lenka Reinerova als junge tschechische Journalistin in den stalinistischen 50er Jahren in Einzelhaft und Dunkelheit in einem Gefängnis verbracht hat. Rezensent Paul Jandl zeigt sich etwas befremdet von der Herangehensweise der Autorin, die das Geschehene sehr subjektiv, ohne nennenswerte Rückbindung an die historische Situation schildert: "Viele metaphysisch aufleuchtende Fragezeichen durchziehen einen Rückblick, der die Zeit in der berüchtigten Anstalt Ruzyne eher zur Bühne eines expressiven Stils macht als zum Anlass einer historischen Analyse." Lediglich die Exkurse zu Emigrantenschicksalen der dreißiger und frühen vierziger Jahre, von Bert Brecht bis John Heartfield, liefern dem rezensenten "dann doch noch jene Analyse eines autoritären Systems, zu der Lenka Reinerovas eigene, bis ins Physische gehende Erfahrungen mit dem Kommunismus leider wenig beitragen" - auch wenn das System, unter dem sie litten, ein anderes war.
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