Perlentaucher - Das Kulturmagazin

Anmelden | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 17.03.2010, 14.22 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Joaquim M. Machado de Assis

Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas

Roman

Cover: Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas

Manesse Verlag, Stuttgart 2003
ISBN-10 3717520180
ISBN-13 9783717520184
Gebunden, 512 Seiten, 19,90 EUR

Bestellen bei Buecher.de

Klappentext

Aus dem Portugiesischen von Wolfgang Kayser. Mit einem Nachwort von Susan Sontag. Ein gewitzter Fabulant und Fallensteller, ein liebenswerter Querkopf und Spötter ist dieser Bras Cubas, darin aufs engste verwandt einem Tristram Shandy oder einem Don Quijote. Selten las sich in der hohen Literatur die Summe eines Lebens so amüsant wie in diesem fiktiv-autobiographischen Schelmenstreich, der 1881 erstmals erschien. Exotische Landstriche, Brasilien, Rio de Janeiro geben die Bühne für Bras Cubas' illusionslosen Lebensrückblick aus dem Jenseits ab, der wahre Schauplatz aber ist das menschliche Herz. Ob es sich um Heiratsabsichten oder berufliche Ambitionen dreht, um Liebeshändel oder Erbstreitigkeiten, um politische oder geschäftliche Großtaten - in launiger Nonchalance werden die Wirrnisse des Lebens verhandelt.

Möchten Sie dieses Buch kommentieren?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.07.2003

Beglückend leichtfüßig und restlos europäisch findet Rezensent Hans-Martin Gauger diese fiktiven Memoiren, poetisch weich und doch "von nihilistischer Härte". Fast am erstaunlichsten findet er, dass das Buch schon 1880 zuerst erschien, und dass sein Autor, Joaquim Maria Machado de Assis, Nietzsche nicht kannte. Nicht mal die Europäer hätten nämlich damals den Propheten Nietzsche gekannt. Dieser größte aller brasilianischen Autoren schon gar nicht, mit dessen bestem Buch wir es Gauger zufolge hier zu tun haben. Leider erfährt man wenig vom Roman selbst, außer, dass es ihm nach Ansicht des Rezensenten gelingt, im finalen Delirium eines Sterbenden von dessen Leben und Tod packend und "geradezu schön" zu berichten. Von kurzen, mit suggestiven Titeln versehenen Abschnitten ist die Rede, vom grandiosen Kapitel 160, sowie einem grimmig-heiteren Schlusssatz. Dem Rezensenten gefällt auch Susan Sonntags Nachwort - auch hier wüsste man gern, warum. Als "sprachliches Kunstwerk" wird die schon 1950 zuerst erschienene "sehr geglückte Übersetzung" hochgelobt, und im Lob versteckt sich Gaugers Hommage an den Übersetzer: den "heute nahezu verschollenen" Germanisten Wolfgang Kayser, Verfasser einer einst hochberühmten Einführung in die Literaturwissenschaft mit dem Titel "Das sprachliche Kunstwerk".

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.07.2003

"Welch ein Schwätzer vor dem Herrn!", ruft Rezensent Kersten Knipp angesichts Machado de Assis' Erzählfigur Bras Cubas. Denn dieser hätte seine Lebenserinnerungen beileibe gedrungener vortragen können. Aber das, so der Rezensent, ist nur die Fassade dieses Romans, der das brasilianische Leserpublikum des 19. Jahrhunderts aufs höchste begeistert hat. Vielmehr sieht er in Bras Cubas eine zutiefst ironische Erzählerfigur, die dem Roman eine "doppelte Tonlage" verleiht und ihn mittlerweile ganz oben in die brasilianische Literaturgeschichte katapultiert hat. Die Kritik an der brasilianische Elite und ihrer entstellenden Verliebtheit ins alte Europa lasse in der Tat nichts an Schärfe zu wünschen übrig: Bras Cubas behaupte nach einem Studienaufenthalt in Portugal, nur wenig davon mitgenommen zu haben, und lasse somit "den europäischen Bildungsroman ins Leere laufen", indem er zwar dessen Form wahre, aber den Inhalt vergesse. Genau das ist es nämlich, was mit allem Europäischen in Brasilien grundsätzlich passiere, meint Knipp: "Was in Europa kultureller Ausdruck seiner Zeit ist, degradiert unter der Tropensonne zu 'ortsfremden Ideen', verkommt zu Zierrat, Fetisch, Trugbild."

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.06.2003

Machado de Assis gilt zwar als einer der bedeutendsten brasilianischen Erzähler, werde aber außerhalb Brasiliens zu wenig gelesen, meint Steffen Martus und präsentiert überzeugt das vorliegende Werk, das nun "endlich auf Deutsch zu entdecken" sei. Sein Protagonist führe eine Existenz in der Tradition des Schelmenromans, so der Rezensent, zu den Vorbildern zählt er Laurence Sternes Reflexionsroman "Tristram Shandy". Dabei wirke das Schicksal des Titelhelden recht tragisch, muss er doch mit allerlei Unpässlichkeiten zurechtkommen: Ein Rivale bringt ihn um Amt und Frau, seine journalistische Karriere scheitert ebenso wie seine politische. All dies meistert der Held jedoch mit einer gesunden Mischung aus Scheitern und Erfolg. Begeistert ist Martus von der bestechenden Ironie des Autors, wenn dieser sich etwa in einem eigenen Kapitel den Mängeln des Buches widmet. Resümierend zitiert der Rezensent denn auch den "New Yorker", welche die Neuausgabe als "einzigartiges Meisterwerk" feiert.

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Mehr Bücher aus dem Themengebiet

Bücher von Lesern empfohlen

Buch: Meine Straße war die WeltJuan Jose Millas: Meine Straße war die Welt
Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. In "Als die Welt Kind war" erzählt Juan Jose Millas von dem ...

Buch: Kleines morgendliches VerbrechenGeorgi Gospodinov: Kleines morgendliches Verbrechen
Aus dem Bulgarischen von Valeria Jäger, Uwe Kolbe und Alexander Sitzmann. Dieser erste deutsche Auswahlband ...

Archiv: Bücherschauen

Doppeltes Glück

17.03.2010: Die FAZ lernt mit Bernd Lichtenbergs Familienroman "Kolonie der Nomaden", die Angst vor dem kommenden Schrecken zu fürchten. Sehr unheimlich findet die NZZ auch Paulus Hochgatterers Roman "Das Matratzenhaus. Die SZ kann Justine Levys Roman "Schlechte Tochter" allen Frauen mit schwierigen Müttern empfehlen. Die FR liest Essays von Orhan Pamuk. Die heutige Literaturbeilage der FAZ werten wir in den nächsten Tagen. Mehr lesen

Archiv: Vorgeblättert

Francois Walter: Katastrophen

15.03.2010: Für die Natur gibt es keine Katastrophen, nur für die Menschheit. Der Schweizer Historiker Francois Walter hat eine Kulturgeschichte ihrer Bewältigung geschrieben und der Sinnsuche des Menschen: Strafe Gottes, Prüfung der Gottesfürchtigen sowie Ansporn zu neuen technischen Entwicklungen. Hier eine Leseprobe aus "Katastrophen". Mehr lesen

Betina Gonzalez: Nach allen Regeln der Kunst

11.03.2010: Im Erstlingsroman der Argentinierin Betina Gonzalez begibt sich eine Tochter auf die Suche nach den Spuren ihres Vaters, eines mittelmäßigen Bildhauers, und nimmt Kontakt mit seinen Geliebten auf. Hier eine Leseprobe aus "Nach allen Regeln der Kunst". Mehr lesen

Necla Kelek: Himmelsreise

08.03.2010: Passend zum 8. März: Necla Kelek kämpft in ihrem neuen Buch für eine aufgeklärte Lesart des Koran, informiert über Entstehung und Hintergründe und stellt fest: Auf den Koran kann sich nicht berufen, wer für Kopftuch und fünf Pflichtgebete am Tag plädiert. Lesen Sie hier ein Kapitel aus "Himmelsreise". Mehr lesen

Archiv: Buchautoren