Bücher der Saison
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Klappentext
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Celines "Reise ans Ende der Nacht" gehört zu den größten, aber auch den umstrittensten literarischen Werken des 20. Jahrhunderts. Verfasst unter dem schockierenden Eindruck des großen Schlachtens im 1. Weltkrieg, ist es ein wilder Aufschrei gegen die Verkommenheit einer Welt, die ihre Rechnungen auf Kosten der Armen begleicht, in der Hass und Niedertracht das Leben bestimmen - ein wüstes, anarchisches Buch voll sprachlicher und gedanklicher Explosivkraft, mit dem ein neues, bahnbrechendes Kapitel in der Geschichte des Romans begann. Die Aktualität seiner radikalen Zivilisationskritik ist heute unverändert.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.05.2003
Andreas Isenschmid ist derart begeistert von Celines Roman, dass er zumindest für den "Augenblick eines geistigen Experiments" gewillt ist, die antisemitischen Schriften des französischen Autors, die dieser nach 1937 geschrieben hat, zu vergessen. Aufgrund dieser Texte habe man die Bücher von Celine bis heute nur mit "spitzen Fingern" anfassen mögen, meint der Rezensent in seiner eingehenden Besprechung, der dennoch das vorliegende Buch als "literarische Sprachrevolution" preist. Für ihn stellt es den "größten" Roman "aus dem Geist der Psychoanalyse" dar, und er meint, Freuds Lehre reiche bis in die "innerste Geheimzelle" des Buches. Die Lebensreise des Protagonisten, dem Medizinstudenten und späteren Arzt Bardamu, durch den Ersten Weltkrieg, psychiatrische Kliniken, französische Kolonien in Afrika, nach New York und zurück in die französischen Vorstädte versteht der Rezensent als Erkundung des von Freud beschriebenen "Todestriebes". Isenschmid meint, derart "bedrückend" und in dieser "enzyklopädischen Totalität" habe wohl noch nie ein Roman die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen beschrieben. Der Rezensent findet zwar, dass Celine, was seine antisemitischen Pamphlete angeht, ein "extrem widerwärtiger und vollkommen uneinsichtiger Kerl" sei, doch kommt er nicht umhin, diesen Roman als "makellos" zu preisen. Die Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel lobt Isenschmid als "fast makellos", und es ringt ihm einige Bewunderung ab, dass der Übersetzer dem "fiebrigen Grundton" Celines so "wunderbar nahe gekommen ist".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.05.2003
Thomas Steinfeld ist absolut begeistert von Celines Roman, der bereits 1932 entstand, und er meint, dass mit der neuen Übersetzung ins Deutsche nun auch die Missdeutungen, die das Werk seit seiner Veröffentlichung erfahren hat, aus dem Weg geräumt werden können. Denn entgegen der Meinung, es handele sich bei dem Roman um ein lärmendes, wüstes, ethisch höchst zweifelhaftes Buch", zeigt er sich für den Rezensenten als "zartes, aufrichtiges" und mitunter "sogar anrührend moralisches" Buch. Mit dieser Übersetzung, so der Rezensent, liege der Roman des französischen Autors "zum ersten Mal" vollständig und dem Original angemessen vor, da die ursprüngliche Übersetzung von 1932 bei der Machtergreifung der Nazis stark "verflacht und gekürzt" wurde und zudem viele Fehler enthielt. Die Geschichte um den mittellosen Medizinstudenten Bardamu, der als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg zieht und später als Arzt in Afrika, Amerika und Frankreich lebt, kommt für den Rezensenten vom Rang her gleich nach Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", wobei er den Roman als "Gegenbuch" dazu sieht. Steinfeld beschreibt Celine als "schwarzen Mystiker, der mit seinem Roman nicht die Einsamkeit des Einzelnen, sondern vielmehr die "unfassliche Einsamkeit der Masse" demonstriert. Er preist den Autor für seine facettenreiche Sprache, wobei ihn insbesondere das stetige "Schwanken" des Protagonisten und die "virtuos sich überschlagende Hast" einer "aus den Fugen geratenen Zeit" beeindruckt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.05.2003
Eine "sensationelle Neu-Übersetzung", jubelt Ina Hartwig. Celines Roman wirkt in der neuen deutschen Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel "frischer, zupackender echter denn je". Leicht kann seine Arbeit nicht gewesen sein. Denn Celine, so erklärt uns die Rezensentin in ihrer ausführlichen und enthusiastischen Besprechung, verwendete ein "umgangssprachliches Französisch, das assoziativ-mäandernd vor sich hinzuplätschern scheint". Doch Schmidt-Henkel sei es gelungen, den "Ton", die "leicht angeschmuddelte Musikalität" der Originalausgabe samt ihres "ätzenden, mitreißenden" Witzes ins Deutsche zu retten - wenn nötig sogar mit eigenen kleinen Füllseln. Hartwig zeigt das am Beispiel eines eingefügten "na ja", das - obwohl im Original nicht vorhanden - dennoch "genial platziert" sei, weil es der "Musik in den Buchstaben" (Mallarme) entspricht. Hartwig liefert daneben noch eine wunderbare Einführung in diesen temporeichen, atemlosen Roman, der die Geschichte eines Antihelden erzählt, der "im Unbewussten abtaucht wie in eine stinkende Pfütze" und doch vital, übermütig und anarchistisch ist. Man hat sich nach dem Erscheinen des Originals 1932 gefragt, ob dies ein "linker" Roman ist, erzählt Hartwig. Trotzki beispielsweise habe dem Buch eine ausführliche Kritik gewidmet. Unsere Rezensentin widerspricht - nicht nur, weil Celine ein "Rechter" war, sondern auch, weil er keine "politisch brauchbare Sicht auf die Armen" liefert. Celine zeichne den Menschen vielmehr in seiner Animalität, "jenseits von Vernunft und Moral". Und das in einer "jazzigen Sprache", die Schmidt-Henkel jetzt in ein "elegantes und mutiges Deutsch" übersetzt hat.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.05.2003
Kaum zu glauben, dass man sich erst jetzt an eine Neuübersetzung dieses berühmten und umstrittenen Romans gewagt hat. Hinrich Schmidt-Henkel ist nun eine Neuübersetzung zu verdanken, die Thomas Laux bis auf einige Flapsigkeiten sehr gelungen findet. Laux schildert die lange Vorgeschichte dieses 1932 im französischen Original erschienenen Romans, dem bislang eine einzige Übersetzung ins Deutsche vergönnt war, von Isak Grünberg, erschienen 1933 und von den Nationalsozialisten bereinigt, verstümmelt, gekürzt. 1958 hatte der Rowohlt-Verlag diese Übersetzung neu herausgebracht. Laux fragt sich, was die Leser dieser Version verstanden haben mögen, so strotzte die Übersetzung an Irrtümern, Verballhornungen, abgesehen von der Unterschlagung der meisten sexuellen Konnotationen, die den Roman eigentlich auszeichnen. Die "Reise ans Ende der Nacht" löste bei seinem Erscheinen einen echten Schock aus, so penetrant verhandelt Celine darin Tabuthemen wie Krankheit, Tod, Sexualität, berichtet Laux. Schmidt-Henkel sei gelungen, den typischen Celine-Sound, der Laux wie ein "Existenz-Rap" in den Ohren klingt, beizubehalten, eine "unvergleichliche Mischung von Rhythmus und Lyrik, Oberfläche und tieferer Bedeutung".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2003
Endlich könne man dies "Meisterwerk der französischen Literatur, ein Meisterwerk der Weltliteratur" in adäquater Übersetzung lesen, schreibt Rezensent Volker Weidermann, der auch Hinrich Schmidt-Henkels Neuübersetzung als "Meisterwerk" preist. Siebzig Jahre lang sei das Werk auf Deutsch nur in einer "verstümmelten, stark gekürzten, von Stümpern 'bearbeiteten', sprachlich 'bereinigten' Form zugänglich gewesen. Der Rezensent erzählt dann die einigermaßen skandalöse Geschichte der ursprünglichen Übersetzung von Isak Grünberg, die gleich nach Erscheinen des Originals 1932 entstand und nach der Machtübernahme durch die Nazis verfälscht und zerstört worden ist. Dass der Rowohlt Verlag diese "Fälschung", für Weidermann eher eine "grobe, antiliterarische Zusammenfassung", so lange als gültig verkauft hat, findet er beinahe unglaublich. Hinrich Schmidt-Henkels Übersetzung nun kommt Weidermanns Ansicht nach dem "einzigartigen Rhythmus des Originals" so weit entgegen, wie es überhaupt möglich ist. Deren Argot werde in "passend vulgäre, nachlässigste Umgangssprache" gebracht. Der Übersetzer schreibe kompliziert, wo im Original kompliziert geschrieben werde, poetisch, "wo Celine seine einzigartig poetische Sprache ertönen lässt".
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