Bücherschau der Woche
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Klappentext
Von den Vertreibungen aus dem Sudetenland und dem Berlin des Jahres 2002: Reinhard Jirgl, der Chronist deutscher Vergangenheit und Gegenwart, erzählt die Geschichte von vier Frauen aus der Kleinstadt Komotau, die nach dem Zweiten Weltkrieg übrig geblieben sind: die siebzigjährige Johanna, deren Töchter Hanna und Maria und die siebzehnjährige Enkelin Anna. Eine Familiensaga von Heimatlosen, die der Verlust bis heute nicht los lässt.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.07.2003
Cristina Nord ist der Ansicht, dass es sich bei Reinhard Jirgls neuem Roman um ein "präzises, dichtes Kunstwerk" handelt, das inhaltlich wie stilistisch bestechend sei. Bei der autobiografisch beeinflussten Geschichte der Vertreibung einer Familie aus dem Sudentenland untersuche der Autor die Auswirkungen des Heimatverlustes sowohl auf die direkt betroffene als auch auf die nachfolgenden Generationen, und dies tue er dankenswerterweise ohne "die weinerliche Selbstgerechtigkeit", die in diesem Zusammenhang sonst häufig zu finden sei. Auch stilistisch sei dieser Roman ein herausragendes Werk. Jirgl bediene sich "experimenteller Orthografie und Interpunktion", stilistischer Entlehnungen aus dem Mündlichen und einer Art von Collagetechnik verschiedenster Fragmente. Überraschenderweise hindert dies nicht im geringsten den Erzählfluss, sondern beschleunigt ihn stattdessen, so die begeisterte Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.06.2003
Im bisherigen Werk hat sich der Erzähler Reinhard Jirgl einen Ruf erschrieben als schwieriger, der Sprache in Satzzeichen-Sprengseln, Kürzeln und Lautmalerei auf den Grund gehender Autor. Es führte das, wie Roman Bucheli meint, stets zu "Lektüre unter Schmerzen", lohnend gewiss, aber immer auch anstrengend. Im neuen Roman nun finde sich all das, die Experimente, die Anstrengungen, ganz aufgehoben in einem Meisterwerk - "fürwahr und ohne Übertreibung" -, das alle Fragen beantwortet, die man sich zuvor gestellt haben mag. Der Stoff, dieser Stoff, benötige genau diese Sprache, versichert Bucheli. Es geht um die Ostvertreibung, ein Ankommen, das kein Ankommen ist, die Entwurzelung. Zwei Teile schildern das Geschehene, zuletzt erinnert sich der Ich-Erzähler, ein hoffnungsloser Fall auf der Krebsstation, an seine Mutter, seine Großmutter, seine Urgroßmutter aus dem Sudetenland. Die Perspektiven wechseln, erzählt wird "das Gleiche", das "doch nie dasselbe" ist. Den Autor kann Bucheli dabei nicht genug loben, als "glänzenden Dramaturgen", dem eine "atemberaubende sprachliche Verdichtung" gelingt. Ein "großer Roman".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.04.2003
"Noch nie ist die deutsche Nachkriegszeit so überzeugend geschildert worden", wagt Iris Radisch in ihrer Begeisterung für Reinhard Jirgls Porträt der Nachkriegsjahre zu behaupten. In "dunklem, lebensbitteren" Ton, doch mit genügend historischem Abstand erzähle Jirgl seine Geschichte einer Familie, die nach der Flucht aus dem Sudetenland ihre Lebenszeit in der DDR absitzt. Urgroßmutter, Mutter und Kind, schreibt Radisch, können die Worte Mensch und Gemeinheit nicht auseinanderhalten, verbarrikadieren sich zwischen Untertanengeist und Unbeugsamkeit und halten sich an die Parole "Maul zu, wenn die gebratenen Gänse anfliegen!". Literarisch sei dieser Generation "ohne jeden Anstand" bisher viel "notwendiges Unrecht" von ihren Kindern angetan worden, glaubt Radisch, und auch bei Jirgl könne von Versöhnung noch nicht die Rede sein, aber doch von Familie.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.03.2003
Burkhard Müller ist nicht nur begeistert, sondern regelrecht "erstaunt" über diesen Roman, der die Geschichte von vier Generationen von Sudetendeutschen erzählt. Der Rezensent sieht Jirgl stilistisch das Erbe Arno Schmidts antreten, indem er sich in Ausdruck und Orthografie ziemlich eigenwillig seinen jeweiligen Figuren anzupassen sucht. Mitunter liest man in diesem Buch nicht nur, man hört und fühlt geradezu, was geschieht und gesprochen wird, so Müller hingerissen. Allerdings sieht er auch die Gefahren eines derart lautmalerischen Stils, der, wie er meint, für die Leser anstrengend ist, zumal, wenn sie "die Anstrengung des Autors" spüren. Mitunter stacheln auch die "Borsten" der Orthografie des Romans "ins Leere", moniert Müller. Dennoch ist er alles in allem geradezu beglückt bei seiner Lektüre, und er bemerkt dankbar, dass sich der Roman nicht mehr so quälend mühsam liest wie das letzte Buch Jirgls. Die Abrechnung mit dem Literaturbetrieb, die der Autor auch noch in den Roman eingebaut hat, preist Müller als geglückte "Gegenwartssatire", deren "Kollegenschelte" er berechtigt findet und in ihrem "gezügelten Hass" souverän vorgetragen sieht.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.03.2003
Mit seinem neuen Werk "Die Unvollendeten" hat Reinhard Jirgl nach Einschätzung von Rezensentin Martina Meister einen "großartigen Roman" vorgelegt. Der Roman erzählt die im Spätsommer 1945 mit der Flucht von drei Frauen aus dem Sudetenland einsetzende, mehrere Generationen übergreifende Geschichte einer Familie, für die die neue Heimat nie wirklich Heimat wird. Für Meister rührt Jirgls Roman wie einige anderer Bücher in jüngster Zeit an ein Tabu: Er zeige die Deutschen als Opfer des Krieges, erzähle von Heimat und vom Phantomschmerz, den ihr Fehlen hinterlasse. Doch Jirgls Roman ragt nach Ansicht Meisters heraus: "Hier", erklärt die Rezensentin, "sind das Leben und die Geschichte verdichtet worden. Hier sind die Opfer befreit, von ihrem Selbstmitleid." Vor allem die sprachliche Qualität des Romans hat Meister überzeugt: Jirgl, für sie ein "Virtuose der Sprache", benutze "Worte wie Farben" und male damit ein "eigenwilliges, melancholisches Bild" Deutschlands. Entstanden ist ein "Vexierbild aus Worten geschaffen, ein zauberhaftes Sprachkunstwerk, das ständig verändert, was es zeigt".
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