Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
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Klappentext
Ohne die unverstandene Niederlage im Ersten Weltkrieg, ohne Novemberrevolution und ohne die Demütigung von Versailles kein Hitler. Denn nur im Chaos jener Nachkriegszeit formte sich seine Weltanschauung, in der sich unterschwelliger Antisemitismus, bürgerliche Ängste vor dem Bolschewismus und den Folgen von Versailles zu einem monströsen Bedrohungsszenario verdichteten. Konsequent sieht Reuth Hitler als einen Getriebenen, der eine ganz andere, neue Mission gaubte erfüllen zu müssen: Die "Rettung der Welt vor dem Judentum und dem Bolschewismus", die er miteinander gleichsetzt. Diesem Ziel hat Hitler alles untergeordnet, Innen-und Außenpolitik, auch den Krieg, dafür mobilisierte und missbrauchte er die Deutschen. Deshalb befiehlt er 1941 die "Endlösung": Der Mord an den Juden als Kompensation des militärischen Scheiterns.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.06.2003
Thomas Maissen kann dieser Hitlerbiografie nicht viel abgewinnen. Er hält das ganze Genre der Biografien für verfehlt, um sich dem Thema zu nähern, denn je mehr Hitler im Laufe seines Lebens "alle Dimensionen einer normalen Biografie sprengte, desto auffälliger werden (...) die Defizite von Genre und Perspektive: personenzentrierte Ereignisgeschichte mit einseitigem Fokus auf die Außenpolitik." Hitler erscheint so als "historischer Zufall" - eine Auffassung, mit der Maissen nichts anfangen kann. Dabei schreibe Reuth nicht revisionistisch in einem "empörenden Sinne", intellektuell findet Maissen seine Arbeit jedoch unbefriedigend und höchst fragwürdig, etwa wenn Reuth von dem "missbrauchten" Deutschen Volk spreche. Dieses hat immerhin 1932 bei freien Wahlen der NSDAP 37,4% der Stimmen gegeben, schreibt der Rezensent. Immerhin bescheinigt Maissen dem Autor, flüssig schreiben zu können. Dabei erzähle er ausführlich, erkläre aber wenig und dies auch noch eher "apodiktisch als analytisch". Leider fehlt die Auseinandersetzung mit neuerer Forschungsliteratur weitgehend, schreibt der Rezensent, der diesem Buch offenbar keinen Erkenntnisgewinn verdankt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.03.2003
Als gescheitert beurteilt der Rezensent Klaus Hildebrandt den Versuch des Autors, "sich dem Phänomen Hitler auf biografische Art und Weise zu nähern". Die zwölf Kapitel, die chronologischen den Aufstieg Hitlers schildern, sind laut Rezensent eher eine "allgemeine Abhandlung " über den Nationalsozialismus als eine Annäherung an die rätselhafte "Sphinx Hitler". Reuth präsentiere die historischen Ereignisse zwar "mit gut gewählten sprechenden Zitaten" und in "nüchterner, klarer Sprache", lobt Hildebrandt, doch sowohl der Umgang mit Quellen und Daten als auch die Interpretation der Zusammenhänge seien manchmal etwas "oberflächlich". Zudem habe Reuth aktuelle Forschungserkenntnisse überhaupt nicht berücksichtigt. Zusammengefasst vermisst Hildebrandt "eine gedankliche Durchdringung des Gesamten, die Hitler und seine Zeit ... miteinander in Beziehung setzte" und empfiehlt dem Leser, auf die Werke von Joachim Fest und Sebastian Haffner zurückzugreifen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2003
Als ehrenwert, aber unzureichend bezeichnet Michael Salewski den Versuch Ralf Georg Reuths, Hitler mit einer neuen politischen Biografie auszustatten. Neues enthalte sie ohnehin nicht, meint Salewski, nur Bekanntes "neu drapiert". Das allein sei kein Grund zum Schimpfen, hätte Reuth wenigstens die aktuellen Forschungen der vergangenen Jahre zur Kenntnis genommen. Dann hätte ihm auffallen müssen, dass Hitler bereits in Wien "antisemitisch infiziert" worden sein muss, so Salewski. Reuths Biografie sei ansonsten solide gearbeitet und ideologisch einwandfrei, auch wenn sie in der Wortwahl manchmal hart an der Kolportage vorbeischramme. Für Salewski fehlt Reuth schlicht dieses "leidenschaftliche Wissen-Wollen" des Historikers, wie es etwa Joachim Fest ausgezeichnet hat. So erkläre sich auch, warum Reuth auf bestimmte Fragen nicht nur keine Antworten wüsste, sondern er diese erst gar nicht stelle. Dem Leser bleibe so nur der Eindruck eines glatten Aufstieg Hitlers vom Obdachlosenasyl zur Reichskanzlei, resümiert Salewski.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.02.2003
Hans Mommsen bespricht sehr eingehend diese politische Biografie Hitlers und geht gewissenhaft die einzelnen Argumente des Autors durch. Er stellt fest, dass Reuth im Versailler Vertrag die "objektive" Grundlage für Hitlers Aufstieg sieht und in diesem historischen Umfeld seine "ersten antisemitischen Ausfälle" zu finden sind. Obwohl der Rezensent es als erwiesen ansieht, dass Hitler selbst so argumentiert hat, betont er doch, dass die tatsächliche Last der in Versailles beschlossenen Reparationszahlungen einer "hemmungslosen Agitation" gegen diese Zahlungen gegenüber stand. Für die Regierungsphase Hitlers versuche der Autor, vom Zusammenhang von "Anti-Versailles-Syndrom, Judenhass und Komunistenfeindschaft" eine "Folgerichtigkeit des Handelns" Hitlers abzuleiten, fasst Mommsen zusammen. Hier kritisiert er jedoch, dass seiner Ansicht nach der Autor zu wenig Gewicht auf Faktoren legt, die auf den Diktator von außen eingewirkt haben, und dabei auch wichtige biografische Details unberücksichtigt lasse. Auch bei der Analyse der "Judenpolitik" findet der Rezensent, dass der Autor den Anteil Hitlers überbetont und zuviel Gewicht auf einen von Hitler propagierten "vorgezeichneten Weg" legt. Insgesamt, urteilt Mommsen, bietet diese Biografie eine "vielfach anregende Lektüre", die er aber dadurch gemindert sieht, dass Reuth die neueste Forschung nicht vollständig eingearbeitet hat, was sich für ihn vor allem in der mitunter allzu "Hitler-zentristischen Sicht" auf die Ereignisse zeigt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.01.2003
Verglichen mit den beiden großen Hitler-Biografien von Joachim C. Fest und Ian Kershaw, die, durch ein konsistentes Konzept strukturiert, den Versuch einer analytischen Erklärung anstellen, warum Hitler an die Macht kam, kann Ralf Georg Reuths Hitler-Biografie nach Ansicht von Rezensent J. Evans nicht überzeugen. So fährt Evans eine ganze Reihe von Kritikpunkten auf: Reuths Hitler-Biografie fehle die Konsistenz von Fests und Kershaws Biografien; sie trage letztendlich wenig mehr zum Gesamtbild bei als eine Aufzählung zusammenhangloser Details; das Konzept der "politischen Religion", von Michael Burleighs jüngster, missglückter "Gesamtdarstellung" des "Dritten Reiches" geliehen, trete bei Reuths Buch bisweilen auf, habe aber wenig bis gar keine erklärende Kraft; Reuth habe keine neuen Quelle, was er über Hitlers Leben schreibe, lese sich bei Kershaw wesentlich genauer. Am "enttäuschendsten" findet Evans das Buch allerdings, wenn Reuth versucht, seinen Gegenstand in einen breiteren historischen Kontext zu stellen. Hier offenbart sich für Evans, dass Reuth nicht mit dem neuesten Forschungsstand vertraut ist: "Wo er ein historisches Gesamtbild zu zeichnen versucht", kritisiert er, "wiederholt er uralte deutsch-nationale Mythen, die ernst zu nehmende Historiker längst ad acta gelegt haben." Zur Empörung des Rezensenten lässt Reuth keine Gelegenheit aus, um die Verantwortung für Aufstieg und Triumph, Verbrechen und Vergehen Hitlers und des Nationalsozialismus auf andere als deutsche Schultern abzuwälzen. Etwa wenn er die altbekannte revisionistische These vom Versailler Vertrag wieder aufwärmt - nur ein Beispiel von vielen, das Evans bringt. Insgesamt ziehen sich unbelegte revisionistische Thesen durchs ganze Buch, hält Evans fest. "Nicht nur trägt diese Biografie nichts Neues zur Interpretation bei", resümiert er abschließend, "sie fällt auch ein gutes Stück weit hinter den gegenwärtigen Forschungs-, ja sogar den allgemeinen öffentlichen Kenntnisstand zurück."
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