Aus dem Amerikanischen von Karl Heinz Silber. Infrarot-Kameras, Karbon-Datierung, DNA-Analyse, Digitalisierung - wir haben heute die besten Technologien für das Studium und die Bewahrung von Überlieferungen. Zugleich zerstören Abgase unersetzbare Steinreliefe, ruinieren Besucherströme prähistorische Höhlen, und in amerikanischen Archiven werden Dateien der 70er Jahre unlesbar. Alexander Stille nimmt uns mit auf seine Reise an Schauplätze auf der ganzen Welt, wo über die Erhaltung und Vernichtung von noch existierenden Spuren der Vergangenheit entschieden wird: wir streifen mit ihm durch die Altstadt von Kairo, hören die Erklärungen zum Wiederaufbau der Bibliothek von Alexandria, sind mit im Boot über den Ganges, reisen mit dem italienischen Forscher Scoditti nach Kitawa in Papua Neu-Guinea, wo die Verschriftlichung die mündliche Überlieferung zerstört, und sehen, dass die Chinesen eine ganz andere Vorstellung von historischem Original haben als wir.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 09.10.2002
Regelrecht ansteckend ist Gustav Seibts Begeisterung für Alexander Stille und seine "Reisen ans Ende der Geschichte", so dass man am liebsten selbst gleich den Computer abschalten und den Koffer packen möchte. Für Seibt verkörpert Stille, der mit einer gut recherchierten Geschichte der sizilianischen Mafia bekannt geworden ist, den Typus Reporter, der das Genre der wissenschaftlichen Reisereportage fortführt, wie es vor einigen Jahrzehnten populär gewesen ist. Ortstermine, Interviews, fachkundige Erörterung eines Sachverhalts - so beschriebt Seibt Stilles Vorgehensweise. Die Ortstermine des Journalisten haben ihn rund um die Welt und an eher unzeitgemäße Orte geführt: Grabungsfelder, Bibliotheken, Archive, Naturreservate, Altphilologenkurse, religiöse Stätten, alles Orte, an denen um die Überlieferung und Tradition der jeweiligen Kulturen gerungen wird. Seltsamerweise, stellt Seibt fest, kommt dabei eine spannende Bestandsaufnahme der zeitgenössischen Gesellschaften heraus. Stilles Resümee zum Thema Überlieferung im Zeitalter medientechnischer Revolutionen: Mit der Verfügbarmachung von Wissen verschwindet zunehmend auch die Gemeinsamkeit von Wissen, überliefert uns der Rezensent.
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