Die westliche Außenpolitik folgt bis heute dem neorealistischen Konzept ungewisser zukünftiger Entwicklungen, die eine ständige Verteidigungsbereitschaft erfordern. Dem widerspricht die Politikwissenschaft, die allerdings von den Außenpolitikern weitgehend als Zulieferer von Spezialwissen marginalisiert wird. Das Buch plädiert für eine Kommunikation zwischen Forschung und Praxis und für eine Anpassung traditioneller Strategien an die realen politischen Bedingungen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 07.09.2002
Ganz und gar nichts Gutes hat Rezensentin Anette Bingemer über Ernst-Otto Czempiels Buch zur Osterweiterung der Nato zu sagen. Seine Kernthese, die gleichzeitig eine Kritik an der realpolitischen Umsetzung politischer Ideale ist, besagt, dass die Vorantreiben der Osterweiterung unter den herrschenden politischen Verhältnissen überhaupt nicht nötig gewesen wäre und deshalb auch keinen Sinn macht. Beim Belegen dieser These fehlt es dem Autor nach Bingemers Meinung an Stringenz, sauberen Begriffsklärungen und insgesamt an inhaltlicher Klarheit. So beklagt sie: "Czempiel schließt Anarchie mit Ungewissheit kurz, bedenkt nicht den Unterschied zwischen Unberechenbarkeit und Ungewissheit und jongliert mit den Begriffen und Erklärungsansätzen." Und da ist nur einer unter vielen Kritikpunkten. Am schwersten wiegt wohl der Vorwurf der "Fahrlässigkeit in der Beweisführung". Czempiel, erklärt Bingemer zum Schluss bedauernd, "hat sich mit diesem Buch keinen Gefallen getan".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2002
Stefan Fröhlich verlangt dem Leser in seiner Besprechung von Ernst-Otto Czempiels neuem Buch einiges an Konzentration ab. Es ist nicht ganz leicht, seiner Darstellung von Czempiels Kritik an der neuen europäischen Sicherheitspolitik und den wiedererstarkten neorealistischen Ansätzen zu folgen. Vielleicht liegt es daran, dass der Rezensent von Czempiels liberalen Ansätzen überhaupt nicht überzeugt ist. Zwei Punkte stören ihn besonders: Zum einen gesteht Fröhlich zwar zu, dass demokratische Systeme prinzipiell mäßigend auf die Anwendung von Gewalt in der Außenpolitik wirken, dennoch sei das Kennzeichen des internationalen Systems noch immer ihre anarchische Organisation (im abgeschwächten hobbessches Sinne). Zum anderen können man auf keinen Fall die friedliche Konfliktbeilegung als die einzig demokratische und ethisch vertretbare Form des Krisenmanagements darstellen, meint der Rezensent mit Verweis auf Bosnien und Kosovo. Dass Czempiel den 11. September und die Folgen in seine Theorie nicht mit einbezogen hat, sieht Stefan Frühlich denn auch als Hinweis darauf, dass Czempiel mit den Mittel ziviler Konfliktbewältigung an seine Grenzen gestoßen ist.
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