Bücherschau der Woche
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Jacques Derrida
Seelenstände der Psychoanalyse
Klappentext
Aus dem Französischen von Hans-Dieter Gondek. In einer Lektüre Freudscher Texte, die sich um den Begriff der "Grausamkeit" ranken, erkundet Derrida mögliche Antworten auf die Frage, worin die Krise der Psychoanalyse heute besteht. Ausgehend von der These, dass die Psychoanalyse der Name dessen sein könnte, was sich ohne jegliches Alibi dem Eigensten der psychischen Grausamkeit zuwendet, versucht Derrida die Möglichkeit zu denken, wie jenseits der Logik des Todestriebes Recht, Politik, und vielleicht sogar eine Ethik begründet werden könnten, die der psychoanalytischen Revolution wie auch den Ereignissen Rechnung tragen, die einen grausamen Wandel der Grausamkeit darstellen - den technischen, wissenschaftlichen, juridischen, ökonomischen, ethischen und politischen Veränderungen unserer Zeit.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.09.2002
In einer Sammelrezension bespricht Bettina Engels unter anderem den jetzt publizierten, aus Anlass des 100.Jahrestags der "Traumdeutung" in der Pariser Sorbonne gehaltenen Vortrag von Jacques Derrida. In ihm geht es um den "politischen Gehalt der Psychoanalyse", der, wie Engels süffisant bemerkt, "nach guter französischer Sitte" nicht in der Befriedigung positiver, also etwa sozialverträglicher Wünsche liegt, sondern vielmehr in der "sadistischen Lust an der Grausamkeit". Derrida, so Engels, verbünde sich mit Freuds "pessimistischem Pazifismus" und deute ihn dekonstruktivistisch als Überwindung des Willens "zur Souveränität". Ist das nicht die gute alte Sublimierung in anderem Gewand?
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.08.2002
Ausgehend von der umstrittenen Freudschen Lehre vom Todestrieb wirft Jacques Derrida die Frage nach der Grausamkeit auf, weiß Rezensent Ludger Lütkehaus. Der von Freud lange vertretenen Annahme, dass die Grausamkeit etwas Abgeleitetes, Sekundäres ist, hält Lütkehaus entgegen, dass es sich bei der Grausamkeit um eine primäre Triebmischung handelt. Die von Derrida favorisierte Verbindung mit dem "Todes- oder Bemächtigungstrieb", die der Philosoph trotz seiner Akzentuierung des Lustfaktors der Grausamkeit nach Ansicht von Lütkehaus manchmal überbetont, wird, kritisiert der Rezensent, der Triebmischung von "Libido" und "Destrudo" nicht gerecht. Für Derrida spricht nach Lütkehaus indes, dass er dieses Problem durch die "engagierte Frage" nach einem "Jenseits des Grausamkeitstriebs" ausbalanciert. Diese Frage werde dringlicher, wenn man etwa mit dem entschiedenen Todesstrafengegner Derrida sich für ihre strafrechtlichen Implikationen interessiere. Da bleibt für Lütkehaus nur noch der Neid auf die Debatten, die man in Frankreich über die Psychoanalyse noch führen kann. Ein Lob geht an die Adresse von Hans-Dieter Gondek für seine "konzise Übersetzung".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.08.2002
Ausgehend von Freuds Gedanken zum Todestrieb wirft Jacques Derrida die Frage auf, ob sich die "unmögliche Sache" eines "Jenseits der Grausamkeit" denken lässt, erklärt Hans-Jürgen Heinrichs in seiner überwiegend referierenden Rezension. Die Psychoanalyse bietet Derrida zufolge die Möglichkeit, den archaischen und modernen Formen der Grausamkeit ins Gesicht zu sehen, "ohne zu werten, abzuwerten und zu diskreditieren", berichtet Heinrichs. Psychoanalytisches Wissen stehe "als Wissen in der Neutralität des Unentscheidbaren" (Derrida) und müsse darin bleiben. Ethik, Rechtsprechung und Politik, so Heinrichs, sollten sich nach Derrida das Wissen der Psychoanalyse zunutze machen. Allerdings hat sich die Psychoanalyse der Grausamkeit dem Prinzip nationalstaatlicher Souveränität und der Todesstrafe noch nicht ausreichend zugewandt, mahne der Philosoph. Hier sieht Derrida die Psychoanalyse in der Pflicht, hält Heinrichs fest: nur sie vermöge die "schier endlos scheinenden Formen der Grausamkeit und ihrer Rechtfertigungen, im Namen einer angemaßten institutionellen Souveränität, und die gleichzeitig entstehenden Gegenbewegungen einer Manifestierung der Menschenrechte" wertungsfrei zu deuten.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 30.05.2002
Als heilsam empfindet Elke Bruens diesen aus dem Sommer 2000 stammenden Appell Derridas an die Generalstände der Psychoanalyse, "sich selbst politisch zu denken". Derridas auf Freud zurückgehenden Ratschlag, den Todestrieb, anstatt ihn zu verurteilen, "umzuleiten und in ein System differenzieller Zwischenglieder und Bezugsgrößen einzubinden", hält Bruens nicht nur für ungewohnt klar vorgetragen, sondern auch für erstaunlich aktuell, wenn es um das Doppelmotiv von Souveränität und Grausamkeit am Beispiel der USA geht. Würde hier nicht der Meister der Dekonstruktion sprechen, meint sie, würde das, was hier gesagt wird, heute unter das Verdikt des Antiamerikanismus fallen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.05.2002
Am 10. Juli 2000 wurden in Paris die "Generalstände der Psychoanalyse" einberufen - wohl mehr um die zerstrittenen berufständischen Vereinigungen zusammenzubringen als revolutionäre Taten vorzubereiten, wie Sonja Asal kritisch anmerkt. Gastredner auf dieser Veranstaltung war der französische Philosoph Jacques Derrida, dessen Vortrag nun auf Deutsch vorliegt. Eine "hintergründige" Rede, behauptet Asal: Derrida fordere die Psychoanalyse dazu auf, sich wieder mehr um sich selber, ihr eigentliches Thema zu kümmern, verbinde dies aber mit einer Reihe von politischen Überlegungen. Das eigentliche Thema der Psychoanalyse sei für Derrida die Grausamkeit, das Leiden und Leiden lassen anderer, ein Trieb, den er ähnlich wie Freud für ziemlich "irreduzibel" halte, so Asal. Soweit alles ziemlich banal, meint sie, spannend werde es aber wegen Derridas Positionierung der Psychoanalyse, die nicht auf der Seite des Gesetzes etwa stehe, sondern "jeneits von gut und böse", also unparteiisch sei und von der "Erfahrung des Unentscheidbaren" geprägt. Ob die so bezeichnete "dekonstruktive Aufgabe" der Psychoanalyse bei den Vertretern dieser Zunft Anklang gefunden hat, wagt Asal zu bezweifeln.
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