Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
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Klappentext
Frühjahr 1999. Eben hat sich der junge Leo Pardell um seine kargen Ersparnisse betrügen lassen. Den vollmundig avisierten Aufenthalt in Buenos Aires spielt er seiner Mutter und seiner Angebeteten jetzt einfach telephonisch vor, und verdingt sich - bar jeder Schlafstätte oder Mittel - als Aushilfs-Schlafwagenschaffner. Während seiner nächtlichen Reisen auf den Schienennetzen Europas trifft er die merkwürdigsten Gestalten: französische Schmuggler, bulgarische Verführungsspezialisten, korrupte Kontrolleure, kluge Buchhändlerinnen, Brüsseler Bürokraten, melancholische englische Detektive, mörderische Priester im diplomatischen Dienst und reizende, russische Beischlafdiebinnen.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.07.2002
Christiane Schott macht in diesem Roman um einen gescheiterten Studenten, der als Schlafwagenschaffner herumreist, einen "Hang zur Megalomanie" aus, der ihr zunehmend auf die Nerven geht. In ihrer eingehenden Rezension weist sie auf "Witz und starke Dialoge" hin, lobt die "skurrilen" Protagonisten und die einfallsreichen Verwicklungen und lässt sich von den vielen Facetten des Romans beeindrucken. Letztlich jedoch, so die Rezensentin bedauernd, scheitert der Autor an der schieren Menge seiner Einfälle und der "Geniestreich endet in der Unübersichtlichkeit". Was ihr in dem Buch fehlt ist "seelische Annäherung" des Autors an seine Figuren. Sie moniert zudem, dass es Kopetzky bei aller "Extravaganz seiner Episoden" nicht gelingt, den Spannungsbogen bis zum Ende zu führen. Die Rezensentin diagnostiziert "Überfrachtung" und schließt daraus: weniger wäre mehr gewesen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.07.2002
Im Streckennetz der Schlafwagen-Compagnie hat sich Gabriele Killert nur mäßig amüsiert. "Gelungene Passagen", schreibt sie in schöner Bildlichkeit, "schwimmen in dem Textkonvolut gleich Fettaugen auf einer dünnen Suppe", und bedauert sichtlich, dass der Autor alle Kraft für die "Logistik des Riesenunternehmens" (735 Seiten!), für das Figuren-Placement und die "ironische Weichenstellung in der Komödie der Missverständnisse" drangibt. Das sei alles beachtlich, gehe aber auf Kosten der Sprache: "Diese dröge, glanzlose Verlautbarungsprosa, dieses pennälerhafte Palavern ... Dialoge wie aus 'Emil und die Detektive'". Derart enttäuschend ist das, dass sich Killert fragen muss, ob es auch wirklich von Kopetzky stammt, dem Autor des "intelligenten und eleganten, kecken und einfallsreichen Erstlingsromans 'Eine uneigentliche Reise'". Aber, o je, ja, das tut es.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.03.2002
Nach einer lockeren Plauderei über den 31-jährigen Kopetzky, der momentan auch als Kolumnist in der "Leben"-Redaktion der "Zeit" von sich reden macht, widmet sich die Rezensentin Petra Kohse mit ganzer Aufmerksamkeit dem 740 Seiten umfassenden, äußerst komplex angelegten Roman um den jungen Leo Pardell, dem auf seinen nächtlichen Touren durch Europa als Aushilfs-Schlafwagenschaffner sonderbare Gestalten begegnen. Eine weitläufige, überbordende Handlung und ein hohes Maß an Authentizität zeichnen diesen Roman nach Ansicht der Rezensentin aus, ohne dass dies seinem Charakter als "gebauter und damit so künstlicher wie in sich stimmiger Entwurf von Wirklichkeit" widersprechen würde. Die "liebevolle Hingabe", mit der Kopetzky sein wunderliches Personal porträtiere, begeistert die Rezensentin ebenso wie seine "rhythmisch insistierende, sorgfältig ausgearbeitete und in ihrer liebevollen Genauigkeit immer ironiefähige Sprache". Kohse findet in "Grand Tour" nicht nur einen Abenteuer-, Liebes- und Kriminalroman, sondern auch eine "Kulturgeschichte der Eisenbahn und der Uhrmacherkunst sowie das Handbuch zur Sonnenfinsternis, zur Mafia oder zum Highlanderspiel". Alles in allem: ein "großartiger Roman".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2002
Genügend Gründe, "Steffen Kopetzky für einen Scharlatan und Schlawiner unter den Jungschriftstellern zu halten", trug Rezensentin Kristina Maidt-Zinke im Hinterkopf, als sie sich mit dem Berliner Autor auf die 740-seitige "Grand Tour" begeben hat: Rechtschreibfehler, vormoderne Erzählmethoden, Kopetzkys Überheblichkeit, seinen neuen Roman vorab schon als "Hauptwerk" anzukündigen - mit einer langen Liste an Verstößen eröffnet Maidt-Zinke ihre Kritik, um anschließend zu erörtern, warum sie ihre Reise an Kopetzkys Seite, auf der Jagd nach dem weltweit einzigen Chronometer mit Jahrtausendanzeige mit Namen "Grande Complication", dennoch nicht bereut hat. So sei das Personal des Romans zwar unübersichtlich, demgegenüber jedoch "farbig, komisch und ausdrucksstark" Beeindruckt haben die Rezensentin auch die intertextuellen Anspielungen (Benjamin entdeckt sie zwischen den Zeilen) und die "Kenntnisse verschiedenster Provenienz", mit denen Kopetzky prunke. Schließlich sei es der "unerschrockene Fabuliereifer", der sie mit immer neuen Wendungen selbst über die Durststrecken der Lesestrecke getragen habe. Zum Ende kann es sich Maidt-Zinke nicht verkneifen, noch einmal zu mäkeln: Wenn der Klappentexter schon eine "barocke Fülle" ankündigt, hätte er doch gleich von "Rokoko" reden sollen.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.03.2002
Nur allzu hoch liegt die Messlatte für ein Buch, das sowohl vom Autor als auch seinem Verlag und selbst schon im Titel mit dem Adjektiv "groß" belegt wird, weiß Rezensent Gerrit Bartels. Aber Steffen Kopetzkys "Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication" ist einfach ein "großes Buch, ein gutes Buch, ein gelungenes Buch" konstatiert der Rezensent, zumal es in dem Roman um die schwierige Thematik der Zeit -"eines der größtes Welträtsel überhaupt" - geht. Anhand zwei sehr unterschiedlichen Figuren umreißt der Autor die Problematik von mehreren Seiten. Sowohl der notorische Uhrensammler, - seit langem auf der Suche nach einem wertvollen Exemplar - als auch der Bahnbeamte, der im ICE durch Europa tourt, erleben das Phänomen der Zeit auf jeweils eigene Weise. Innerhalb dieser Reise auf den "Schienen Europas" entwickle sich Kopetzkys Werk dann auch zu einem "Roman über Europa", bestätigt der Rezensent weiter und ruft den potenziellen Käufer auf, die "Grand Tour" des Autors selbst lesend zu beschreiten.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2002
Alles an diesem Buch zielt auf die Assoziation "Hauptwerk" schreibt Rezensent Richard Kämmerlings. Doch handele es sich hier um ein Missverständnis. Der Roman sei nämlich nicht komplex, sondern bloß lang und langweilig und durch Nebenhandlungen, Rückblenden und Zwischenspiele "unnötig aufgebläht". Als gravierendsten Mangel Kopetzkys bezeichnet Kämmerlings dessen Sprache, die der ziemlich gnadenlos verreißende Rezensent anhand eines erotischen Beispiels als "verschmockten Erste-Klasse-Ton aus dem parfümierten Orientexpress" beschreibt. Aber auch von handwerklichen Fehlern wimmelt es Kämmerlings zufolge in diesem Buch, was dessen "aufwendige Statik" in seinen Augen um ihre Wirkung bringt. Statt "konsequenter Perspektivik" lasse Kopetzky "seinem allwissenden und alles besserwissenden Erzähler" freien Lauf. "Soviel Abstellgleis war nie!" seufzt Kämmerlings über die Abenteuer des Berliner Studenten Leo Pardell, der eine Diplomarbeit über die Fluchtwege in den "Carceri" des Malers Piranesi schreiben will, wie der Rezensent wissen lässt, und der schließlich als "Springer" bei einer Schlafwagengesellschaft anheuert, was dann die besagte aufwendige Komposition zur Folge hat. Kämmerlings kann hier aber bloß eine "reißbrettartige Konstruktion" ohne treffende Metaphern konstatieren.
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