Martin Walsers Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 hat eine heftige Diskussion ausgelöst. Als "Walser-Bubis-Debatte" ist sie bereits in die Geschichte eingegangen. Der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer untersucht nun die Wirkungsgeschichte der Rede. Er demonstriert, dass sie mehr und mehr zu einem aus Schlagworten zusammengesetzten Gerücht verkürzt und manipuliert worden ist. Die Fehlrezeption von Walsers Rede hat vergessen lassen, dass Walser sich wie kaum ein anderer Schriftsteller in immer neuen Anläufen mit dem Thema Auschwitz auseinander gesetzt, die Erinnerung an die Massenvernichtung der Juden wachgerufen, ja nicht einmal die These einer deutschen Kollektivschuld verworfen hat.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 14.03.2002
Armer Walser Martin! Richtig froh ist Hans Christian Kosler, dass sich mit diesem Buch mal jemand anschickt, "aus einem heilsamen zeitlichen Abstand heraus und mit dem nötigen Sine ira et studio Bubis' Vorwurf einer 'geistigen Brandstiftung' zu entkräften". Vor allem mittels älterer Aufsätze Walsers ("Unser Auschwitz", "Auschwitz und kein Ende") unternimmt das der Autor und weist nach, "wie eindeutig Walser sich stets zur deutschen Schuld bekannt hat". Allerdings: Dass die Kenntnis ebendieser Aufsätze Walsers Kritiker beschwichtigt hätte, will Kosler dann doch bezweifeln. Und überhaupt findet er des Autors Beschäftigung mit der streitbaren Friedenspreisrede Walsers und deren Rezeptionsgeschichte plötzlich "marginal" und höchstens dazu zu gebrauchen, "Denkanstöße" zu liefern. Doch nicht so groß die Freude. Zumal Borchmeyer versäume, "Walsers eigentliche Provokation in dessen radikaler Medienkritik zu suchen".
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