Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
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Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Michael Zöllner. Das Waisenhaus St. Vincents, in Brooklyn, frühe siebziger Jahre. Für Lionel Essrog, der am Tourette-Syndrom leidet (dessen Symptome u.a. darin bestehen Unsinn zu reden, alles und jeden in Reichweite zu berühren und umherliegende Gegenstände neu zu arrangieren), ist Frank Minna so etwas wie ein Erlöser. Der im ganzen Viertel beliebte Ganove taucht eines Tages auf und nimmt Lionel und drei weitere Jungs mit auf seine mysteriösen Jobs quer durch Brooklyn. Aus den vier Waisen werden so die Minna Men, die von Detektei- bis Fahrdiensten alles anbieten...
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.09.2002
Seinen neuen New-York-Roman lässt der Schriftsteller Jonathan Lethem überwiegend in einer Brooklyner Bar spielen, die es tatsächlich gibt, gleich beim Autor um die Ecke, berichtet Tobias Rapp, nicht ganze ohne Stolz, über des Autors Leben, dessen Wohnung und Umgebung aus erster Hand bestens informiert zu sein. Der Roman selbst ist, meint der Rezensent, eine interessante Mischung verschiedener Genres, die durch die Machart eines "Hard-Boiled-Krimis" zusammengehalten werden. Ohne Zweifel sei er aber auch eine Hommage an Boerum Hill, ein Stadtviertel in Brooklyn, in dem Lethem aufgewachsen ist und das, wie viele andere Viertel und Städte auch, Gentrifikations-Prozessen ausgesetzt ist. Das kann man, denkt Rapp, positiv und negativ sehen. Aus Boerum Hill, einem ehemals armen und Künstler-Viertel, sei inzwischen jedenfalls ein schickes und teures Pflaster geworden. Die Anfänge dieser Gentrifizierung thematisiert auch der Roman, informiert der Rezensent. Erzählt werde außerdem eine Krankheitsgeschichte, die Geschichte eines Waisenjungen und schließlich der Versuch des Protagonisten Lionel Essrog, den Mord an seinem Chef zu rächen. Rapp jedenfalls macht keinen Hehl daraus, dass er Autor und Werk ganz "wunderbar" findet.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.07.2002
Dass dieser "Krankheitsroman" nach Verfilmung schreit, ist für Joachim Otte nicht zu überhören. Dass der Neuropsychologie und der Schnittstelle zwischen Geist und Körper etwas zutiefst Narratives eignet, dafür, so lässt er uns wissen, ist dieses Buch ein weiterer Beweis. Und ein integrer dazu, denn dem Autor gelingt es, seinen Gegenstand, das Leiden am "Tourette-Syndrom", einem zu Tics und Krämpfen führenden Energieüberschuss, nicht zu verraten. Stattdessen bettet er ihn in eine Kriminalstory und eine Bildungsgeschichte - "gekonntes Manöver, mit dem er die Klippe des falschen Mitleids, der Sentimentalität oder der Zurschaustellung der psychoneuralen Störung umschifft" -, und vergisst nicht, neben der "brüllenden Komik" der Ausbrüche seines Helden, auch dessen Zusammenbrüche zu schildern. Als besonderes Leckerchen für den Leser empfiehlt Otte den "virtuosen Wortwahn" des delirierenden Helden und dessen Reflexionen darüber - "ein Ereignis, welches ins Deutsche zu bringen dem hervorragenden Übersetzer Michael Zöllner mindestens ebenso viel Spaß wie Mühe gemacht haben muss".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.06.2002
Sacha Verna unterscheidet drei Sorten von Schriftstellern: solche mit Aufklärungsanspruch, solche mit Therapierungswünschen und solche mit Unterhaltungsanspruch, die im besten Fall nebenbei auch noch politisch aufklären. Solch ein bester Fall ist nun mit Jonathan Lethem eingetreten, behauptet Verna, sein Roman sei spannend, intelligent und gut geschrieben. Nein, mehr als gut geschrieben, schwärmt die Rezensentin: er brennt ein sprachliches Feuerwerk ab, eine Lobeshymne auf den Stadtteil Brooklyn, der zwar ziemlich pittoresk wirke, weil die Geschichte teilweise im Gangstermilieu spielt, aber dennoch nicht erfunden. Dass dieser Roman wahre Wortkaskaden abfeuert, die die Rezensentin Begeisterungsrufe anstimmen lässt, liegt auch an der Hauptfigur des Romans, gesteht Verna, dem Ich-Erzähler Lionel Essrog, auch "freie Freakshow" genannt, der nämlich am Tourette-Syndrom leidet und dem alles Mögliche unkontrolliert entgleitet. Die Geschichte komme aber ohne falsche Sentimentalität und Betroffenheit aus, beteuert Verna, da steuere Lethems Hang zur Übertreibung und Parodierung schon gegen. Auf deutsch lese sich das ganze nur halb so spritzig wie Original, sei aber dennoch unbedingt zu empfehlen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.03.2002
Ungewöhnlich findet Rezensentin Angela Schader dieses Buch. Ungewöhnlich gut, denn der Autor führt das immer noch tabuisierte Krankheitsbild seines Protagonisten, das Tourette-Syndrom, aus dem gesellschaftlichen Schattendasein. Dabei lobt die Rezensentin sowohl die "spielerische" Leichtigkeit, mit der Lethem die "Gratwanderung" zwischen Selbstkontrolle und "plötzlichem Kontrollverlust" beschreibt, als auch die geschickt inszenierte Rahmenhandlung eines Mordes im Gangster- und Mafiosimilieu. Die "rührende" Darstellung der Figuren, allesamt reichlich armselige und sympathisch-unbeholfene Gesellen im harten Alltag des Rotlichtmilieus "gereicht dem Leserherz zur Freude", ist aber in letzter Konsequenz nur eine "Lockspur" des Autors, um den Leser in die Geheimnisse der Tourette-Krankheit einzuweihen, ist Angela Schader überzeugt. Und dies sei Jonathan Lethem gelungen. Mit "Motherless Brooklyn" hat er einen intelligenten und bedachten Roman vorgelegt, der es schafft ein zwiespältiges Phänomen mit "Witz und Wärme" zu vermitteln, lautet das Urteil der Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2001
Rezensent Dietmar Dath klingt begeistert: der Familienroman eines Waisenjungen, das "Sprachkunstwerk eines Sprachgestörten", und doch "ein harter Krimi", der nach Ansicht des Rezensenten "in der Tradition klassisch modernen Erzählens" steht. Wenn Lewis Carroll und Raymond Queneau zusammen ein Drehbuch geschrieben hätten, meint Dath, "damit Humphrey Bogart einmal wirklich vertrackte Dialoge" hätte sprechen können: etwas Ähnliches wie dieser Roman wäre wohl dabei herausgekommen. Aber auch Djuna Barnes und James Joyce werden vom Rezensenten als Vergleichsgrößen zitiert. Wäre "Motherless Brooklyn" nicht letztlich auch ein Krimi, bei dem man umblättert, um zu erfahren, wer der Mörder ist, befürchtet der Rezensent, das Buch hätte "vor lauter linguistischem Einfallsreichtum" auseinanderfallen können. Aber natürlich zerfällt es nicht, was an der sprachlich konsequenten Durchgestaltung des Buches ebenso liegen muss wie an der "souveränen Synthese der Sprechweisen spekulativer Genres und moderner Erzähltraditionen". Autor Jonathan Lethem jedenfalls besitzt für den Rezensenten alle wichtigen Voraussetzungen, zu einer wichtigen Stimme der amerikanischen Literatur zu werden.
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