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Georges Didi-Huberman
Phasmes
Essays über Erscheinungen von Fotografien, Spielzeug, mystischen Texten, Bildausschnitten, Insekten, Tintenflecken, Traumerzählungen, Alltäglichkeiten, Skulpturen, Filmbildern
Klappentext
Mit 32 einfarbigen Abbildungen. Vollkommen disparate, nur in ihrem "blitzhaften Zusammentreten" (Walter Benjamin) einander ähnliche Erscheinungen liefern den Ausgangspunkt für Didi-Hubermans Überlegungen. Er kreist seine zunächst ganz nebensächlich erscheinenden Gegenstände ein, bringt sie dem Leser in erzählerischer Weise nah, löst anfangs gemachte, höchst fragwürdig erscheinende Aussagen auf und führt so auf einem mit Bezügen zu Psychoanalyse, Philosophie, Literatur reich gepflasterten Weg zum Kern seines Gedankens. Das in seiner Beiläufigkeit surrealistischen Bildfindungen ähnliche Prinzip dieser Essays folgt keiner rationalen logischen Konsequenz, sondern in Anlehnung an die Freudschen Bilderrätsel traumhaften Bezügen.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.06.2002
Rezensent Andreas Cremonini zeigt sich fasziniert von den Essays des französischen Kunsthistorikers, Literaten und Bildtheoretikers Georges Didi-Huberman. Was den ersten Blick wie ein Potpourri von Gelegenheitsarbeiten zu diversen Themen aussieht, erweist sich für Cremonini im Lauf der Lektüre als eine "höchst subtile Analyse der Dynamik des kunsttheoretischen Forschungsprozesses und seiner materialen Voraussetzungen". Im Zentrum der Essays sieht Cremonini den Gedanken, dass Assoziationen, Bilder, Einfälle etc., die die Aufmerksamkeit des Forschers von seinem eigentlichen Objekt ablenken oder stören, keineswegs irrelevant sind, sondern für die Ökonomie der Suche eine eigene wichtige Bedeutung haben. Bei all seinen ästhetischen und kunstphilosophischen Erkundungen suche Didi-Huberman deshalb die Spuren "jenes unvermittelten Anstoßes, jenes 'chocs' zu bewahren, der der Reflexion vorausliegt, in sie eingegangen, in ihr 'zu Grunde' gegangen ist", erklärt Cremonini, der darin auch einen Ausdruck "intellektueller Redlichkeit" sieht. Didi-Hubermans "undiszipliniertes Schreiben" wie auch sein Methodenideal, das die kunstwissenschaftliche Unterscheidung zwischen großer Kunst und unbedeutenden kunsthandwerklichen Massenprodukt ablehnt, bewahrt ihn nach Ansicht des Rezensenten vor einer "Sterilität der Erkenntnis".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.11.2001
Elke Buhr ist sichtlich angetan von Didi-Hubermanns Essayband "Phasmes", obwohl sie bisweilen den Eindruck hat, dass der Autor seine Leser "genüsslich (...) in einen dunklen Urwald" schickt, "in dem keiner mehr weiß, was Baum ist, was wildes Tier, und was einen am Ende verschlingt." Wie Buhr ausführt, erweist sich Didi-Hubermann in seinen Essays, die - bei aller Verschiedenheit der Themen und der gewählten Form (von losen Assoziationen über Parabeln und philosophische Traktate ist alles vorhanden) - das Rätsel des Kunstwerkes umkreisen, als Poststrukturalist im "Wortsinne", als "Analytiker, der die Begriffsoppositionen schärft, der das Sichtbare vom Unsichtbaren und das Subjekt vom Objekt sauber trennt - um dann (...) die Grenzen wieder verschwimmen zu lassen". Buhr arbeitet heraus, worum es dem französischen Philosophen und Kunsthistoriker letztlich geht: um einen anderen Blick auf die Kunst. Der strukturelle Blick auf das Kunstwerk, die Verortung und Interpretation von Details allein sind nicht genug: "man muss sich", so resümiert die Rezensentin Didi-Hubermanns Projekt, "gleichzeitig auch den unscharfen Blick des Schlafenden bewahren - schauen wie im Traum."
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.11.2001
Erscheinungen von Fotografien, Spielzeug, mystischen Texten, Bildausschnitten, Tintenflecken, Traumerzählungen, Alltäglichkeiten, Skulpturen, Filmbildern. Alex Rühle stellt diesen Essayband des Pariser Philosophen und Kunsthistorikers vor, der nach Surrealistenmanier seinen Blick beispielsweise auf einem Weihnachtsmarkt schweifen lässt und dort immer wieder "Momente alltäglicher Epiphanie" erlebt. Wie der Autor seine Schule der Sinne und des Sehens versteht, lässt sich nach Rühle am bestem im titelgebenden Aufsatz über die Phasmiden nachlesen. Das sind Insekten, erklärt Rühle, die sich nicht nur in der Farbe, sondern auch im Körperbau ihrer Umgebung angleichen. Didi-Huberman sei ungemein fasziniert von diesen Tierchen, die er im Pariser Jardin des Plantes entdeckt hat und die nicht nur eine Szenerie oder Landschaft bevölkern, sondern in dieser aufgehen oder noch mehr: die Szenerie selber sind. Für den Autor resultiere aus dieser Entdeckung seine Theorie "des unscharfen Blicks", der Dinge aus ihrem Gebrauch oder ihrer Umgebung herauslösen kann, indem er defokussiert. In der Praxis bedeutet das, erläutert der Rezensent, dass man in einer Marzipanfigur auch eine etruskische Votivfigur entdecken kann.
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