Aus dem Türkischen von Cornelius Bischoff. Als Musa mit seinem Ruderboot an der Küste der ägäischen Insel anlegt, stößt er auf ein menschenleeres, verlassenes Paradies. Sofort erliegt er dem Zauber dieser verwunschenen Welt und lässt sich auf der Insel nieder. Aber unter der friedlichen Oberfläche liegen Tragödien. Die Bewohner, alles Griechen, wurden nach dem Ersten Weltkrieg in einer gigantischen Umsiedlungsaktion von einem Tag auf den andern vertrieben. Und in Musa erwacht die Erinnerung an die Grausamkeiten, die jahrzehntelang Anatolien, die Völker des Kaukasus und des Mittleren Ostens heimsuchten. Dieser neue Roman Kemals erzählt zum ersten Mal von den Katastrophen, die das Ende des Osmanischen Reiches und die junge türkische Republik begleiteten.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.11.2001
Obwohl Ludwig Amman an diesem Roman sehr viel zu loben hat, fällt sein Fazit eher skeptisch aus. Das liegt für ihn vor allem daran, dass der Autor sein Thema, den griechisch-türkischen Konflikt, zu wenig analytisch, ohne Blick für die "Konfliktursachen" angeht. Was dabei dann herauskommt, ist ein unglaubwürdiges Happy End und der Eindruck, das ganze Unheil in der Insel, um die es in dem Roman geht, sei nicht menschengemacht, sondern vom Himmel gefallen. Dabei birgt dieser Roman nach Ammans Einschätzung auf der erzählerischen Ebene eine Menge Potenzial. Er lobt beispielweise die Fähigkeit des Autoren, das Seelendrama eines der beiden Protagonisten darzustellen, der es gegen seinen erklärten Willen, nicht schafft, den anderen Protagonisten, einen Türken, zu töten und nennt dieses Selbstgespräch "einfach furios". Auch die Übersetzungsleistung von Cornelius Bischoff findet der Rezensent großartig, doch als Gesamtkunstwerk hat er mit diesem Roman eben doch Probleme.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2001
Stefan Weidner findet, dass der türkische Schriftsteller Yasar Kemal den beiden großen Themen des Romans "Die Ameiseninsel" "Ökozid und Genozid" als politisch engagierter "Mensch und Pazifist", aber keinesfalls als Schriftsteller gewachsen sei. Die Thematik seines neuen Romans "Die Ameiseninsel" täusche nicht über stilistische Schwächen wie die Verwendung von allzu pittoresken Versatzstücken und Klischees hinweg. Den beiden Protagonisten mangele es an psychologischer Tiefe, wobei der Autor die innere Zerrissenheit seiner Helden nur als eine Art "Hamlet-Karikatur" widerzugeben vermag, so Weidner. Die Darstellung des zugrundeliegenden historischen Stoffes - "des Bevölkerungstausches zwischen der Türkei und Griechenland, eine 1923 im Friedensvertrag von Lausanne völkerrechtlich legitimierte ethnische Säuberung" - bleibt laut Weidner in einem oberflächlichen Realismus stecken, der nichts mit den großen historischen Romanen eines Tolstoi gemeinsam habe. Das Scheitern des Autors an Figurenkonzeption und Stoff ist für Weidner ein schriftstellerisches Scheitern, kein menschliches, weshalb der Roman "Die Ameiseninsel" für den Kritiker zumindest ein ehrenvolles Vorhaben bleibt.
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