Herausgegeben von Henry Hardy. Einführung von Noel Annan. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Isaiah Berlin zeigt sich in diesen Texten als scharfsinniger Beobachter von Zeitgenossen, deren herausragende Verdienste im politischen oder geistigen Leben er zu würdigen versucht. Viele dieser Persönlichkeiten sind weithin bekannt - Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt, Chaim Weizmann, Albert Einstein, J.L. Austin, Virginia Woolf und Edmund Wilson. Bis auf Roosevelt ist Berlin ihnen allen persönlich begegnet oder sogar freundschaftlich verbunden gewesen. Im längsten und wohl beeindruckendsten Text dieser Sammlung erzählt Berlin von seinen Begegnungen mit den russischen Schriftstellern Boris Pasternak und Anna Achmatowa in den Jahren 1945 und 1956. Der Band schließt mit einem der persönlichsten Texte Isaiah Berlins, in dem er die drei grundlegenden Elemente benennt, die seine Persönlichkeit geprägt haben: das russische, das englische und das jüdische.
Nach Jörg Lau pflegte Isaiah Berlin ein Genre, das im 20. Jahrhundert schwer an Prestige verloren hatte: die Kunst der Eloge. Doch bei Berlin lese man nicht ohne Beschämung, so Lau, zu welcher Begeisterung große Geister und unabhängige denkende Menschen wie der Ideenhistoriker Berlin in der Lage gewesen waren. Er begeisterte sich für die Gedichte Pasternaks und Achmatowas oder die Prosa Virginia Woolfs, lobte die Regierungskunst Roosevelts und hielt Lobreden auf Churchill, als dessen politischer Stern im Sinken begriffen war - ein "Akt der Gerechtigkeit", meint der Rezensent. Berlin war des "rettenden Lobes" voll, das nach Lau "nie hohl klinge", aber immer auch Zeitkritik durchscheinen lasse. Zudem erfahre der Leser immer gleich viel über den Porträtierten wie den Porträtierenden - die Menschen und Zeitströmungen, die diesen "freien großzügigen Geist" geprägt hätten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 21.03.2001
Otto Kallscheuer zeigt sich als ein großer Bewunderer Isaiah Berlins, doch was den vorliegenden Band betrifft, so überwiegt die Enttäuschung. Denn anders als der Titel des Buchs verspricht, erfahre der Leser nur begrenzt etwas über "persönliche Begegnungen", sofern sie nicht einen Bezug zu öffentlichen Aktivitäten haben. Auch die "entscheidenden philosophischen Begegnungen" und die meisten von Berlins "literarischen Freundschaften" spielen in diesem Band keine Rolle, stellt Kallscheuer bedauernd fest. Zwar weiß der Rezensent auch den Grund dafür, denn Berlin hat, wie der Leser erfährt, die meisten seiner "Beiträge als Totenreden, Rückblicke und Nachrufe konzipiert". Allerdings fragt sich Kallscheuer, inwieweit es Sinn macht, diese ins Deutsche zu übersetzen. Lesenswert findet der Rezensent allerdings die Passagen, in denen es um Berlins "jüdische und seine britische Identität" geht, ebenso wie Berlins Essays über Roosevelt, Churchill und Weizmann, die nach Kallscheuers Ansicht gut gesondert hätten veröffentlicht werden können.
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