Seit Ende des 19. Jahrhunderts, vor allem aber Anfang der 1920er Jahre war Berlin für Juden aus Osteuropa Zuflucht und Zwischenstation. Die deutsche Metropole wurde eines der größten Migrationszentren in Europa. Die jüdischen Einwanderer aus Osteuropa waren zumeist Kriegs-, Pogrom- und Revolutionsflüchtlinge. Sie unterschieden sich nach Sozialstatus ebenso wie nach kulturellen und politischen Optionen. Verbunden waren sie jedoch durch Erinnerungen an das, was sie erlebt und zurückgelassen hatten. Viele der Migranten lebten im Scheunenviertel, andere im bürgerlichen Charlottenburg, das aufgrund des hohen russischen Anteils der Bevölkerung auch Charlottengrad genannt wurde.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2011
Den transitorischen Charakter Berlins kann Susanne Klingenstein in den Emigrantengeschichten der Ostjuden gut nachvollziehen. Die Essays in diesem Band lassen sie ahnen, welche Rolle Berlin, welche Rolle vor allem die jüdischen Exilanten in der deutschen Kultur spielten. So gut ihr der Forschungsgegenstand bereits dokumentiert scheint, so originell findet sie den von Vera Dohm und Gertrud Pickhan herausgegebenen Band mit 18 zum Teil auf Englisch verfassten Beiträgen zu den damaligen sozialen Netzwerken, namentlich in den Cafes, einzelnen Werk- und Lebensgeschichten oder zur Rolle der Übersetzer. Die Rezensentin lobt die Reichhaltigkeit und Klarheit der Essays. Sie verhelfen ihr zu der Einsicht, warum Berlin für die jüdische Diaspora zwischen 1918 und 1939 keine Heimat werden konnte.
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