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Aus dem Archiv
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Klappentext
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. In der Nacht, bevor Danzig von den Russen zerstört wird, geht Direktor Winterhaus zum leeren Straßenbahndepot. In Erinnerung an die Zeiten, als er noch ein gewöhnlicher Straßenbahnfahrer war, rumpelt er im letzten, nicht requirierten Waggon vom Friedensschloss zum Weichselbahnhof, von Brösen nach Ohra und Emmaus, bis die ersten Granaten fallen und nicht nur seiner Karriere ein Ende machen, sondern auch der Stadt, die nie wieder sein würde, was sie gewesen war. Pawel Huelle, seit seiner Kindheit auf den Wegen der verschwundenen deutschen und der neuen polnischen Stadt unterwegs, erzählt von der Rückkehr des Herrn Winterhaus nach 40 Jahren. In der alten Wohnung soll die Münzsammlung des Vaters versteckt sein. Aber da ist auch Luisa, die Tochter des letzten Scherenschleifers von Danzig, die mit ihrem Vater auf der im Krieg zerstörten Speicherinsel wohnt und ein Geheimnis hütet. Oder Jazz, der Werftarbeiter, der Saxophon spielt und auf seinem Motorrad über die abgerissenen Brücken «fliegt», um die Liebe eines Mädchens zu gewinnen.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.11.2000
"Silberregen" heißt der neue Erzählband des polnischen Autors Pawel Huelle. In jeder Erzählung gebe es so einen Silberregen, den der Rezensent Guido Graf als das magische Element und gleichzeitig als das einzig Bleibende beschreibt. Dieses phantastische Element sei vielleicht das Besondere des 1957 geborenen Autors, der neben Olga Tokarczuk und Stefan Chwin eher als realistischer Autor firmiere, jedenfalls einer, der sich die jüngste polnische Geschichte zum wesentlichen Thema gemacht hat. So auch in seinen neuesten Erzählungen. Hier wird, so der Rezensent, "die polnische Gesellschaft im Staat `der Gleichheit, des Fortschritts und der aufgeklärten Diktatur` in knapp und genau gezeichneten Konturen" gestaltet. Man könne an den Figuren ablesen, welche Spuren die "zerrissene Geschichte Danzigs", aber auch zwei Diktaturen hinterlassen haben.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.11.2000
Entdecken kann man einen Autor wohl nur einmal. Aber jedes Mal, wenn man ein neues Buch von ihm in die Hand nimmt, hofft man darauf, diese Erfahrung noch einmal zu machen. Für Thomas Grob ist Huelles Debütroman "Weiser Dawidek" (auf Deutsch 1990) eine solche Entdeckung gewesen - aber die Hoffnung beim jüngsten Erzählungsband auf Ähnliches zu stoßen, erwies sich als trügerisch. Paradoxerweise, meint Grob, gerade weil alles so ähnlich ist. Wieder gebe Danzig die historische Kulisse ab, würden bevorzugt kindliche oder Außenseiterperspektiven gewählt; nur dass alles in einen Nebel "poetisierender Nostalgie" gehüllt sei, der bei allem Sinn fürs Pittoreske jede Sache und jede Geschichte gleich aussehen lasse: "rührend, aber eben auch unglaubwürdig", schreibt Grob. Ihm ist die Grundstimmung zu versöhnlich (lauter unangepasste, unkonventionelle Protagonisten, denen alles leicht von der Hand zu gehen scheint), die Opferbilanz zu ausgeglichen (kein deutsches Opfer ohne die Nennung eines sowjetischen). Für Grob entwirft Huelle "eher biedermeierliche" Genrebilder, die mit ihrer Sehnsucht nach den alten Zeiten darauf verweisen, dass die Generation des ehemaligen Solidarnocz-Kämpfers in der neuen Zeit nicht angekommen ist.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.10.2000
Marta Kijowska erweist sich in ihrer Besprechung dieses Erzählbandes als Kennerin des Huelle?schen Oevres. Und sie wartet, seit dem beeindruckenden Debüt des Autors mit "Weiser Dawidek" (deutsch 1990), auf einen neuen Roman von ihm. Dies nun sind Erzählungen, auch sie wieder deutlich verortet in Danzig, der Stadt des Autors, die ihn auch fasziniert ob ihrer deutschen Vergangenheit, der großen und der verbrecherischen, wie sie hervorhebt. Beispielhaft ist die Straße Ulica Polanki in diesem Band, wo sowohl der später hingerichtete Gauleiter Albert Forster wohnte als auch Arthur Schopenhauer - und heute Lech Walesa. Realistische Erzählelemente, so Marta Kijowska, werden oft vom Autor mit magischen gemischt, seine Philosophie ist anti-nietzscheanisch und besteht auf der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit menschlicher Existenz. Dabei ist Danzig für Huelle was Dublin für Joyce war, schreibt sie, d.h. er erschafft "eine eigene Vision" der Stadt, die damit ihre "Aura" gewinnt, "einerseits poetisch-nostalgisch, andererseits aus einer bemerkenswerten Detailvielfalt und Präzision resultierend". Und sie wartet weiter mit Ungeduld auf den nächsten Roman von Huelle.
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