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Aus dem Archiv
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Byung-Chul Han
Müdigkeitsgesellschaft
Klappentext
Derzeit vollzieht sich unbemerkt ein Paradigmenwechsel. Die Gesellschaft der Negativität weicht einer Gesellschaft, die von einem Übermaß an Positivität beherrscht ist. Ausgehend von diesem Paradigmenwechsel zeichnet Han die pathologische Landschaft der heutigen Gesellschaft, zu der neuronale Erkrankungen wie Depression, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Borderline oder Burnout gehören. Sie sind keine Infektionen, sondern Infarkte, die nicht durch die Negativität des immunologisch Anderen, sondern durch ein Übermaß an Positivität bedingt sind. So entziehen sie sich jeder immunologischen Technik der Prophylaxe und Abwehr. Hans Analyse mündet am Ende in die Vision einer Gesellschaft, die er in beabsichtigter Ambivalenz "Müdigkeitsgesellschaft" nennt.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2010
Dies ist ein wichtiges und sehr originelles Werk, versichert Rezensent Mark Siemons. Und man müsse das umso nachdrücklicher sagen, als sein Autor, der in Korea geborene, aber in Deutschland philosophisch sozialisierte Denker Byung-Chul Han auf alle großen Originalitätsansprüche einfach verzichtet - nicht zuletzt, indem er sein Denken ganz in den Traditionen des Westens formuliert, die von Walter Benjamin bis Giorgio Agamben bis - titelinspirierend - Peter Handke reichen. Unter der Hand aber geht, so Siemons, etwas ganz anderes vor sich: Byung-Chul Han unterzieht den Westen einer östlich inspirierten und darum auch so höflichen, unmerklichen radikalen "Kulturkritik". Es zeichne sich darin das Unterlaufen westlicher Differenzierungen, des "Freund-Feind-Denkens" ebenso wie falscher Ideen zum Individuum, ab. So ganz genau geht aus Siemons' frühere Bücher des Autors mit heranziehender Besprechung nicht hervor, worauf Byung-Chul Han seiner Ansicht nach hinaus will: Aber vielleicht ist auch die Vorstellung vom Auf-Etwas-Hinauswollen schon verkehrt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.09.2010
Zwar entdeckt Harald Jähner in Byung-Chul Hans Essay "Müdigkeitsgesellschaft" nichts wirklich Neues. Doch die virtuose Zusammenstellung des Bekannten lässt den Rezensenten sehr staunen: Die Auflösung des Freund-Feind-Schemas durch das Ende des Kalten Krieges und den Übergang vom "bakteriologischen Zeitalter" ins neuronale (früher kämpfte das Immunsystem gegen die Krankheit von außen, heute litten die Menschen an "inneren" Burn-Outs und Depressionen), sowie die neue "Positivität des Könnens", durch welche der Mensch sich selbst ausbeute, verknüpfe Han "angenehm skrupellos" zu einem aktuellen Bild unserer Arbeitswelt. Wenig originell, aber dennoch unwahrscheinlich findet den Rezensent dagegen denn Schluss, welcher die Rückkehr zur Kontemplation und zur Zeit für "erfüllte Müdigkeit" anmahnt. Denn folge man Hans Argumentation, so Jähner, würden die heutigen Arbeitsstrukturen jenes wohl kaum zulassen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.09.2010
Selten habe ein "kleiner Essay" zeitgenössische Gewissheiten "so unaufwendig und nachhaltig irritiert" wie das Buch des in Karlsruhe lehrenden Philosophen, ist sich Adam Soboczynski sicher. Zum Beispiel jene, dass der Islamismus die Welt nach 1989 erneut gespalten habe. Vielmehr leide der Westen an einem Mangel relevanter Feinde, fasst der Kritiker die Hauptthese des Autors zusammen, der das westliche Individuum in der Folge unter einem "Übermaß an Positivität" zusammenbrechen sieht. Die Leistungsgesellschaft habe zudem einen Typus geschaffen, der sich nicht mehr an Feinden, sondern nur noch an sich selber abarbeiten könne, woraus für den deutschen Philosophen koreanischer Abstammung folge, dass der größte Feind des Abendländers heute nur noch sein eigenen Nervenkostüm im Kreuzfeuer der Multitaskingreize sei. Anregend fand der Kritiker das Buch auch als "luziden" Gegenentwurf zu aktuellen Integrationsdebatten.
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