Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby. Der neunzigjährigen Helena drängen sich die Bilder ihres Lebens auf. Eine letzte Inventur, die sie in der Obhut ihrer Pflegerin Rachida vornimmt. Orte suchen sie im Halbschlaf auf, Requisitenkammern vom Schauspiel ihrer Existenz. Da ist die Kindheit in Flandern, in der sie nur handarbeiten und Konversation betreiben durfte. Oder die Jahre des Ersten Weltkriegs kehren wie ein Echo zu Helena zurück. In ihren Reflexionen über Zeit, Erinnerung, soziale Klasse, Krieg und Liebe entsteht die exemplarische Geschichte eines Frauenlebens im 20. Jahrhundert.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 14.12.2010
Einen Magier nennt Roman Bucheli den Autor und seine Erzählerin. Magisch erscheint ihm die Art, wie hier Geschichte und das Trauma des Ersten Weltkriegs von den Rändern her enthüllt werden, in den fragmentierten Erinnerungen einer alten Frau an die Sommerfrische anno 1914 und die vielen Toten in ihrem langen Leben. So riskant Bucheli die gewählte Perspektive findet, so gekonnt scheint ihm Erwin Mortier Distanz und Empathie zugleich in den Text einfließen und eine versunkene Belle Epoque mit erschütterndem Ende auferstehen zu lassen. Im Gegenlicht der Gegenwart und aus den Arabesken von Mortiers Prosa, erklärt Bucheli wie verzaubert, tritt dabei immer wieder Verborgenes zutage.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2010
Eine tief beeindruckte Sabine Brandt hat Erwin Mortiers Roman "Götterschlaf" gelesen, und sie kann nicht genug darüber staunen, wie einfühlsam sich der 1965 geborene belgische Autor nicht nur in die Zeit des Ersten Weltkriegs, sondern auch in die Psyche seiner weiblichen Hauptfigur hineinversetzen konnte. Denn es liest sich als äußerst lebendiger und eindrucksvoller Erinnerungsbericht, was die 90-jährige Helena teils ihren Schreibheften, teils ihrer marokkanischen Pflegerin über ihre einengende Erziehung, ihre Jahre im Ersten Weltkrieg erst als Assistentin, später als Frau eines britischen Kriegsfotografen und die Zeit danach mitteilt, so die Rezensentin gefesselt. Sie findet übrigens, dass die Klappentextformulierung, das Buch zeige ein exemplarisches Frauenschicksal des 20. Jahrhunderts dem Buch nicht ganz gerecht wird. Mortier sei es gelungen, mit Helena eine "ganze Epoche" zu charakterisieren, deren "Sturheit" und Begrenztheit die "Schrecken des 20. Jahrhunderts" hervorbrachten, so Brandt.
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