Die Erinnerungsobsessionen, die in den osteuropäischen Transformationsstaaten zu Anfang der neunziger Jahre ausbrachen, führten zu einer Renationalisierung und Ethnisierung der Erinnerungspolitik. Sie sind ein Resultat der Wiederkehr des lange Verdrängten und ein Symptom für fehlende Zukunft. Für die europäische Integration stellen diese Tendenzen eine dramatische Herausforderung dar - steht doch damit das Projekt eines transnationalen, europäischen oder gar universellen Geschichtsbewusstseins grundsätzlich in Frage. 14 osteuropäische und deutsche Autorinnen und Autoren versuchen, gemeinsame Erinnerungsräume in den Leerstellen zwischen den neuen Vergangenheitsdogmen zu erkennen und einen Standpunkt zwischen den Fronten zu behaupten.
Rezensent Philipp Goll begrüßt diesen von Thomas Flierl und Elfriede Müller herausgegebenen Band "Osteuropa - Schlachtfeld der Erinnerungen". Die Beiträge analysieren seines Erachtens überzeugend Rolle und Bedeutung der Geschichts- und Erinnerungspolitik bei der Staatenbildung in Osteuropa seit 1989. Deutlich wird für ihn, wie Renationalisierung in den Staaten Osteuropas mit Ethnisierung einher geht, die rassistische, antisemitische und ideologische Ausschlüsse nach sich zieht. Er hebt insbesondere Agnieszka Pufelskas Analyse über die von den Kaczynski-Zwillingen forcierte Gedächtnismanipulation in Polen sowie Jan Bauers Beitrag über die Neuinterpretation des Prager Frühlings hervor. Goll hält diese Aufsatzsammlung über den "Transitraum Geschichte" in Osteuropa für überaus wichtig, weil sie zeige, "wie viele Geheimgänge und Fallen es in diesem Raum gibt".
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