Als Gilles Deleuze in den achtziger Jahren bemerkte, Foucault sei letztlich "Kantianer", wirkte das noch wie eine bewusst forcierte Übertreibung, die eine zu wenig beachtete Seite des Autors ins Licht rücken sollte. In der Folge trat dann immer deutlicher zutage, welche große Bedeutung Kants kritischer Philosophie für Foucaults gesamtes philosophisches Unternehmen zukommt. Sein letzter Vorlesungszyklus am College de France beginnt mit einer eingehenden Lektüre von "Was ist Aufklärung?"; und damit schließt sich ein Kreis, der Ende der fünfziger Jahre mit der Übersetzung von Kants Anthropologie in pragmatischer Hinsicht begann. Die ausführliche Einleitung, mit der Foucault seine Übersetzung versehen hatte, war lange Zeit nur im Archiv zugänglich und nur einer kleinen Zahl von Spezialisten bekannt. Nun liegt der Text endlich in einer sorgfältig edierten Fassung vor. Er zeigt, dass Foucault die Kunst der geduldigen, klarsichtigen und gleichsam unerschrockenen Lektüre nicht erst in seinen späten Auslegungen antiker Texte beherrschte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 31.03.2010
Für Michel Foucault eröffnet Kant mit seiner "Anthropologie" den Möglichkeitshorizont. Christine Pries hingegen freut sich über die Möglichkeit, Foucaults frühen, lange nicht greifbaren Text zum Verhältnis von "Anthropologie" und kritischer Philosophie bei Kant jetzt in der deutschen Erstausgabe lesen zu können. Zwar findet sie in Foucaults, wie sie schreibt, unvermindert aktueller Argumentation Nietzsche-Anleihen, die ihr mindestens Kopfzerbrechen bereiten. Den Umweg zu Kant über Foucault geht sie dennoch mit Gewinn. Erstens, weil der Autor ihrer Meinung nach Stereotypen der Kant-Forschung aufweicht. Zweitens, weil sie das Buch auch als Einführung in Foucaults eigenes Philosophieren begreift.
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