Aus dem Französischen von Ursel Schäfer. Religionen jeder Couleur haben weltweit wachsenden Zulauf. Allerdings stellt dieser Umstand keine Rückkehr zur traditionellen religiösen Praxis dar. Vielmehr hat die Globalisierung eine Trennung zwischen Religion, Nation und Kultur bewirkt: Jeder bastelt sich heute seinen eigenen Glauben. Zigtausende Übertritte von Muslimen in Mittelasien zu den Zeugen Jehovas belegen diesen Umstand ebenso wie Konversionen von Europäern zum Salafismus. Religiosität ist eine individuelle Angelegenheit geworden. Das führt, so der Islamwissenschaftler Olivier Roy, zu "heiliger Einfalt", einer anti-intellektuellen Haltung, die einen unmittelbaren, gefühlsbetonten Zugang zum Heiligen erwartet und sich damit als idealer Nährboden für religiösen Fundamentalismus erweist. Olivier Roy analysiert die enormen Herausforderungen, die diese Entwicklungen an den Staat und die Gesellschaft stellen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.07.2010
"Luzide" findet Rezensent Clemens Klünemann diese Analyse des religiösen Fundamentalismus von Olivier Roy. Das Buch macht für ihn deutlich, wie die aktuellen Debatten um Burka und Schleier oder früher Gehorsamsgelübde gegenüber der Katholischen Kirche genuin zu den westlichen Gesellschaften gehören und diese mitgeprägt haben. Roys Beschreibung der Entkoppelung von Religion und Kultur im Prozess der Säkularisierung ist in Klünemanns Augen besonders erhellend. Danach nutzen die Religiösen die Abtrennung von der Kultur, um alle gesellschaftlichen Veränderungen zu ignorieren und sich auf dem Markt der Religionen deutlich sichtbar positionieren zu können. Aber auch die Reaktion der säkularen Gesellschaft auf diese Taktik findet Roy fragwürdig, so der Rezensent. Denn Religion sei eben mehr als nur eine "private Schrulle". Klünemann hat das alles mit Interesse gelesen, wundert sich aber, dass Roy am Schluss "erstaunlich unverbindlich" bleibt.
Mit großen Interesse hat Michael Kiefer das neue Buch des französischen Islamwissenschaftlers gelesen. Besonders hat ihn die These angesprochen, dass nicht (wie von Jürgen Habermas diagnostiziert) von einer Wiederkehr des Religiösen, sondern vielmehr der Mutation des Religiösen gesprochen werden müsse; dass man daher von einer radikalen Neunormierung des Religiösen auszugehen habe. Hier sehe Olivier Roy traditionelle Formen des Religiösen in Fundamentalismus übergehen. Auch die Schlüsse, die Roy aus seinen präzisen Analysen zieht, leuchten dem Kritiker sehr ein. Interessant fand Kiefer auch Roys Beobachtungen und Fakten zum Thema christlicher Konvertiten zum Islam.
Otto Kallscheuer wünscht dem neuen Buch des französischen Islamwissenschaftlers viele Leser. Denn es enthält seinem Eindruck zufolge eine "derartige Fülle von Beobachtungen" und "Puzzles aus der Weltpolitik alter und neuer Völker", das es beim Lesen wie eine "heilsame Brise frischen Windes" auf ihn wirkte: besonders in der aktuellen "deutschen Diskurslandschaft", die - so Kallscheuer - kaum mehr als pädophile Priester und grundgesetz- wie frauenfeindliche Muslime kennt. Auch der Begriff "Einfalt" für die gegenwärtigen Verlagerung in Richtung Religion findet der hier rezensierende Philosoph und Politikwissenschaftler höchst einleuchtend. Allerdings findet er Oliver Roys Schreibstil gelegentlich etwas holprig und wundert sich auch über den deutschen Untertitel, der seiner Ansicht nach der zentralen These des Buchs widerspricht, dass nämlich nicht die Entkoppelung des reinen Glaubens gefährlich sei, sondern die "Zwangsehe von Religion und Kultur", aus der Identitätsängste und politische Gewalt erwüchsen.
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