Herausgegeben von Artur R. Boelderl und Ludwig Janus; übersetzt von Artur R. Boelderl. Der Weg zum Verständnis historischer Ereignisse führt nicht über die narrative Anhäufung von Daten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft; er führt über die methodische Ergründung bewusster und insbesondere unbewusster Motive der geschichtlich Handelnden. Die zentrale These deMauses: Psychohistorie ist die wissenschaftliche Erforschung historischer Motivationen. Dieser Ausgangspunkt von Lloyd deMauses Theoriebildung impliziert eine radikale Kritik sowohl an der traditionellen Geschichtswissenschaft als auch an den traditionellen Formen der Sozialwissenschaften wie Anthropologie, Soziologie und Psychologie.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.01.2001
Zunächst überrascht es, erläutert der Rezensent mit dem Kürzel "LL", dass ein psychoanalytisch geprägter Autor wie der Amerikaner Lloyd deMause die Methode der Phantasieanalyse für die Auswertung von historischen Dokumenten anwendet. Aber deMause komme damit zu interessanten Einsichten über Gruppenphantasien, die politischen Handlungen zugrunde liegen. Orthodoxen Historikern sträuben sich dabei vielleicht die Haare, aber weniger orthodoxe, mutmaßt "LL", werden deMause` Erkenntnisse sicher zu schätzen wissen. Die neue Ausgabe (die erste erschien 1989), freut sich der Rezensent, ist außerdem besser übersetzt und um drei Aufsätze erweitert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 23.09.2000
Arrogant und verächtlich, so findet Tilmann Moser grundsätzlich die Meinung des Psychoanalytikers Lloyd de Mause über die Historiker. Denen unterstelle de Mause nämlich, dass sie in der Weltgeschichte immer nur die Fakten und in der Politik die Machthaber betrachten, anstatt sich zu fragen, vor welchem kollektiven psychischen Hintergrund Geschichte stattfindet. De Mause, so Moser, hat ein Anliegen: Er will die Geschichtsschreibung vom Kopf auf die Füße zu stellen, indem er die Wirksamkeit der Psychoklassen, die er an die Stelle gesellschaftlicher oder ökonomischer Klassen setzt, betont. Psychoklassen entstehen nach de Mause aus der unterschiedlichen frühkindlichen Entwicklung. Moser hält das in seiner ausführlichen Rezension über den "gewichtigen" Sammelband für einen interessanten und verdienstvollen Ansatz. Diesen begründe de Mause allerdings mit einem erdrückenden Belegapparat, der gelegentlich die Seiten auffresse "wie bei einer juristischen Habilitationsschrift". Und darüber hinaus auch zu "faszinierenden" Rückschlüssen des Autors auf die eigenen musikalischen Vorlieben führt: "De Mause scheut sich nicht, seine Begeisterung für Militärmusik mit dem erhöhten durchschnittlichen Pulsschlag der Mutter während der Geburt in Beziehung zu setzen." Moser sieht in derart "apodiktischem Ton" einen echten Hemmschuh, dass sich Psychoanalyse und Geschichtswissenschaft näher kommen könnten.
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