Der Gaza-Krieg hat die Fragen wieder aufgeworfen: Wie scharf darf man Israel kritisieren? Messen die Israel-Kritiker mit zweierlei Maß oder die Israel-Verteidiger? Und wann ist die Grenze zum Antisemitismus überschritten? Wenn es um den jüdischen Staat geht, kochen sechzig Jahre nach dessen Gründung die Emotionen regelmäßig hoch. Das hat insbesondere in Deutschland damit zu tun, dass in der Debatte unterschiedliche Auffassungen darüber aufeinanderprallen, welche Lehren aus Auschwitz zu ziehen seien. Aus der Perspektive eines Franzosen, der als jüdischer Deutscher geboren wurde, bringt Alfred Grosser Klarheit in dieses von Polemik, Unterstellungen und Verzerrungen geprägte Feld. Er würdigt die deutsche Erinnerungspolitik und zeigt zugleich auf, wo diese doktrinär erstarrt ist. Für ihn kann die Konsequenz aus der Shoah nur lauten: Die Menschenrechte sind unteilbar und immer und überall einzufordern. Sie müssen für Muslime ebenso gelten wie für Juden in Palästina, aber auch in Europa selbst.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2010
Bemerkenswert findet Rolf Steininger das Buch von Alfred Grosser wegen der darin sichtbaren Entwicklung des Autors und seinem Verhältnis zu Israel. Die "Bilanz seines Lebens" eröffnet dem Rezensenten die gesamte deutsche Nachkriegsgeschichte, die Nürnberger Prozesse wie die Rolle der Kirche vor und nach '45. Wenn Grosser schließlich auf sein eigentliches Thema kommt, das "schwierige Israel", sieht er ebenfalls nichts ausgelassen. Von der Gründung des Staates, dem Verhalten Israels gegenüber den Arabern bis zur aktuellen Politik und einer Kritik an der Hamas reicht der Bogen. Grossers Weg von der Beschäftigung mit der Entwicklung in Deutschland hin zur "Tragik Israels und der Palästinenser" sieht er als bemerkenswerte Entwicklung.
Als "flammende Entgegnung" auf die Vorwürfe, "jüdischen Selbsthass" zu praktizieren, hat Rezensent Willi Jasper dieses Buch gelesen und dämpft sogleich die Erwartungen jener, die hoffen oder befürchten würden, Alfred Grosser würde erneut hart mit Israel ins Gericht gehen. Vielmehr lege der bedeutende Publizist und Aussöhner in diesem Buch einige Beweggründe seines Denkens und Handelns offen, beschreibe in Grundzügen auch noch mal seine vom humanistischen Ideal angetriebene Überzeugung, die nicht in der Vergangenheit stehen bleibe, sondern sie lediglich als Erfahrungshorizont seines Denkens und Handelns betrachte, das dabei gegenwärtige Um- und Missstände stets im Auge behalte. Besonders beeindruckt Grosser den Rezensenten durch sein umstandsloses Eintreten für die Menschenrechte, durch seinen Blick auf islamischen und jüdischen Fundamentalismus ebenso wie auf die Tücken des deutsch-jüdischen Verhältnisses und das aktuelle Elend muslimischer Migranten in den westlichen Metropolen, das für Grosser Parallelen zu den jüdischen Ghettos von einst ausweise.
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