Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Klappentext
Marco wohnt im Hochhaus an der Hauptstraße. Von hier ist es nicht weit bis zum Olgaeck, und hinter dem Olgaeck liegt die Constantinstraße, wo die Altbauten unter Denkmalschutz stehen und die Äpfel beim türkischen Feinkosthändler teurer sind als im Hauptbahnhof. Hier wohnen die Aufsteiger, Übermütter und ihre wohlerzogenen Kinder. Hier scheint alles in Ordnung - wenn man nicht vom Supermarkt ins Büro und vom Büro in den Kindergarten hetzt, so wie Leonie, wenn man nicht am Doppelleben als Karrierefrau und Mutter verzweifelt. Judith findet Halt in der Anthroposophie. Hingebungsvoll pflegt sie den Jahreszeitentisch für ihre Kleinen. Doch nachts helfen nur Tabletten gegen die Angst. Im Nebenhaus wohnen die alten Posselts. Sie haben geschafft, wovon die Enkelgeneration nur träumt, nämlich ein Leben lang zusammenzubleiben. Da versetzt Marco die Nachbarschaft in Aufruhr.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.08.2009
"Spannend, ergreifend, erhellend": Rezensentin Ursula März lobt diesen Gesellschaftsroman in höchsten Tönen: für seine Präzision, Plausibilität und "beißende Ironie" ebenso, wie für die "unerhörte" Menschen- und Sozialkenntnis der Autorin, die sie darin zum Ausdruck kommen sieht. Selten werde das neue Bürgertum, das seine "Kulturverluste mit einem Katalog minimalistischer Verhaltens- und Konsumkonzepte" kompensiere, so genau beschrieben und verhandelt. Achse des Romans sei die Stuttgarter Constantinstraße mit ihren Gründerzeithäusern, für März eine Bundesrepublik im Miniaturformat. Hier leben März zufolge die beiden Protagonistinnen, zwei junge und sehr gegensätzliche Mütter namens Leonie und Judith. Die eine gestresst, die andere eine anthroposophische Vorzeigemutter. Auf den ersten Blick jedenfalls. Drum herum gruppiert sich den Informationen der Rezensentin zufolge ein "Ensemble gleichberechtigter Hauptfiguren" sowie eine Anzahl Nebenfiguren. Keine entgehe dem ätzenden, bisweilen schonungslosen und doch immer empathischen Blick der Autorin. Neben meisterhaft realistischen Porträts bewundert die Rezensentin an diesem Roman auch die knappe Erzählökonomie, in der sie die Hektik unserer Zeit sich spiegeln sieht. Und dessen Autorin sie als Gegenteil der "vielen Wunderfräuleins des Betriebs" feiert.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 25.07.2009
Interessiert, aber nicht wirklich entflammt, klingt Jürgen Bergers Rezension des Romans von Anna Katharina Hahn aus den "gemäßigten Zonen" Stuttgarts und der Welt der Frauen um die dreißig mit Kindern, Mann und beruflichen Träumen. Er lernt, dass diese Frauen "schon mal von gut trainierten Fußballern" träumen würden und ansonsten tapfer die "kleinen Lösungen" statt der großen Träume lebten. Sehr stilsicher findet er die Milieus beleuchtet und in Szene gesetzt. Als etwas schwächer beurteilt er Passagen, in denen Hahn zu sehr in "detailgetreuen Atmosphären verweilt". Auch wird man den Eindruck nicht los, dass der Rezensent gelegentlich erzählerisches Feuer vermisst, wiewohl er die Beiläufigkeit, mit der hier auch Katastrophen geschehen, andererseits auch schätzt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.04.2009
"Verteufelt liebevoll" findet Ina Hartwig den Realismus dieser Autorin. Auf Anna Katharina Hahns Debütroman hat Hartwig lange gewartet - und es hat sich gelohnt. Hahns Gegenwartstableau aus dem Stuttgarter Mittelstandsmilieu, Migrationsproblematik inklusive, trifft ins Schwarze. Über die Beobachtungsgabe, die kunstvolle Erzählweise und die empathischen Fähigkeiten der Autorin kann Hartwig nur staunen. Die thematisierte Gewalteskalation geht ihr dementsprechend unter die Haut. Statt auf Sentimentalität trifft sie auf psychoanalytische Härte, "stachelige Wahrheiten" wie den Selbstbetrug, den Seitensprung.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.04.2009
Rezensent Paul Jandl hat im Großen und Ganzen seine Freude an der Lektüre von Anna Katharina Hahns Roman, in dem eine Stuttgarter Wohlstandsfassade gehörig dekonstruiert, ja richtiggehend auseinander gepflückt wird. Jandl zeigt sich sehr beeindruckt von Hahns Fähigkeit, ihre Figuren ganz genau zu analysieren und "Milieus bis in die kleinsten Gesten" hinein zu beschreiben. Auch die trockene und präzise Sprache der Autorin gefällt Jandl. Angesichts Hahns subtiler Beobachtungsgabe ist der Rezensent dann aber auch etwas enttäuscht von dem Ende, das für seinen Geschmack "vergleichsweise plakativ und pointenhaft" daherkommt.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.03.2009
Meike Fessmann ist angetan von diesem episodischen Roman. Die Autorin Anna Katharina Hahn, lässt uns Fessmann wissen, erzählt Geschichten von Alltag und Ängsten, wechselt von Kapitel zu Kapitel den Fokus, um die verschiedenen Stränge am Ende in einem finalen Showdown zusammenlaufen zu lassen. Da ist zum Beispiel Judith, so erfahren wir, die mit Ehemann und nach Waldorfpädagogik erzogenen Kindern in einem bürgerlichen Viertel Stuttgarts lebt, und manchmal einfach nicht klar kommt ohne einen Gang zum Drogendealer am Hauptbahnhof. Oder die alte Frau, die eines Morgens neben ihrem toten Mann aufwacht und weiß, dass sie von nun an allein sein wird. Die von Hahn gezeigte Einsicht in die Innenwelten der Figuren, staunt die Rezensentin, wirkt nie aufgesetzt oder schematisch. Die Autorin, freut sich Fessmann, erzählt rasant und liebevoll, formuliert treffend und sarkastisch und weitet dabei ein "Familienkammerspiel" zu "Welttheater auf engstem Raum" aus.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2009
Wiederholt fühlt sich Gisa Funck bei diesem Debütroman von Anna Katharina Hahn an Katharina Hackers "Die Habenichtse" erinnert. Nicht zuletzt, weil die Autorin ähnlich lakonisch und nüchtern über zwei von Identitätskrisen geschüttelte Akademiker-Familien des gehobenen Mittelstandes erzählt. Anders als bei Hackers glamourösem Pärchen in London stehen in "Kürzere Tage" zwei studierte Stuttgarter Mütter im Mittelpunkt, die verzweifelt versuchen, Beruf, Familie und Selbstverwirklichung zu realisieren, unter ständigem schlechten Gewissen leiden und dabei eine "schleichenden Verrohung" durchmachen, erklärt die Rezensentin (wenigstens haben sie keine Geldsorgen!). Das ganze endet in einer Katastrophe, von der die Rezensentin nichts weiter verraten will, aber sie verspricht ein äußerst fesselndes und in seiner Alltäglichkeit zutiefst erschreckendes Lektüreerlebnis.
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