Bücherschau der Woche
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Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Klappentext
Zwei Schwestern. Die eine auf der Rückbank, die andere auf dem Beifahrersitz, die eine scharfzüngig und kampflustig, die andere nachsichtig und höflich: Sie sind unterwegs im heutigen Bulgarien. Auf der ersten Hälfte ihrer Reise waren sie Teil eines prächtigen Limousinenkonvois, der die Leichen von 19 Exilbulgaren - in den Vierzigern von Sofia nach Stuttgart ausgewandert - in ihre alte Heimat überführte. Darunter der frühverstorbene Vater der Schwestern. Jetzt sind sie Touristinnen, chauffiert vom langmütigen Rumen Apostoloff. Er möchte den beiden die Schätze seines Landes zeigen, die Keramik mit Pfauenaugendekor (dessen Kobaltblau giftig ist), die Schwarzmeerküste (komplett versaut), die Architektur (ein Verbrechen des 20. Jahrhunderts). Die Jüngere, die Erzählerin, spuckt Gift und Galle. Apostoloffs Vermittlungsversuche zwischen Sofia und Stuttgart sind zunächst wenig erfolgreich. Denn das bulgarische Erbe der Schwestern wiegt schwer.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.03.2009
Christoph Schröder haben die misanthropischen Kaskaden dieser wortreichen schwarzen Komödie mitgerissen. Die Erzählerin in Sibylle Lewitscharoffs Roman hat eine mächtige "Vernichtungs- und Wortmaschinerie" angeworfen, um dem Bann des toten Übervaters zu entkommen, der durch eigene Hand aus dem Leben geschieden nun als Leiche mit einem illustren Autokorso von Schwaben nach Bulgarien überführt und unter die Erde gebracht werden soll. In ihrer wütenden Suada gegen die Familie rechnet die Erzählerin auch gleich mit den Verheerungen der kommunistischen Diktatur ab, die bis in alle Lebensbereiche vorgedrungen sind und das ehemals blühende Land ihrer Herkunft auf Jahrzehnte hinaus ruiniert haben: "Es wird gewütet und gezetert, geätzt und schikaniert, rumort und lamentiert", freut sich der Rezensent und findet an dem fast perfekt durchkomponierten Roman nichts auszusetzen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2009
Für Richard Kämmerlings ist es das persönlichste Buch von Sibylle Lewitscharoff. Auch wenn Kämmerlings hier ihren Dialog mit den Toten (hier: der Vater der Erzählerin) fortgesetzt sieht, die autobiografischen Details erscheinen ihm so zahlreich wie nie. Die Entdeckungsreise durch Bulgarien, auf die sich die Erzählerin begibt, wird getragen von einem Vater- und Landhass im Endstadium, hinter dem der Rezensent die widerwillige Faszination der Autorin für ein Land erkennt, das stets herrliche Idee und tristes Abbild in einem ist, wie Kämmerlings erklärt. Im Text stellt sich das für ihn dar als relativ banaler Plot über dem die ständig "rotierende Gedankenmaschine der Erzählerin" ihren Dienst tut und "Spannungsfunken" abwirft. "Simulation von Mystik" mittels Sprache nennt das Kämmerlings.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.03.2009
Thomas Steinfeld feiert Sibylle Lewitscharoffs vierten Roman als beeindruckend vielschichtig, denn er ist Reisebuch, Familienroman und schließlich tiefsinniger "Traktat" über das, "was ein Ich ausmacht", in einem, wie er bewundernd bemerkt. Die Icherzählerin, Tochter eines Stuttgarter Exilbulgaren, reist auf dem Rücksitz eines Autos von Stuttgart nach Bulgarien und überlässt sich ihren Beobachtungen, Erinnerungen, der eigenen Familiengeschichte und der Auseinandersetzung mit dem Vater, der sich sich umgebracht hat, fasst der Rezensent zusammen. Angetan stellt er fest, dass Lewitscharoffs Erzählweise weniger der jüngeren deutschen Literatur als dem späten vorletzten und frühen letzten Jahrhundert verpflichtet ist, und er preist ihre eigenwillige Sprache für ihre überwältigende "Schönheit und Ausdruckskraft". Fasziniert hat den Rezensenten auch die Rahmenhandlung, in der neunzehn im deutschen Exil gestorbene Bulgaren durch einen gleichermaßen findigen wie sentimentalen Geschäftsmann nach Sofia "heimgeholt" werden sollen. Wenn diese Aktion schließlich in einer "Grabfeier" endet, mündet dies nicht nur in einer "kleinen Literaturgeschichte" mit Anklängen an Faulkners "As I Lay Dying" oder Graham Swifts "Last Orders", die Passage besticht zugleich durch grandiose Komik, so Steinfeld begeistert.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.03.2009
Recht eingenommen ist Rezensent Paul Jandl für Sibylle Lewitscharoffs Roman "Apostoloff", den er als "große Komödie des Hasses" beschreibt. Im Mittelpunkt sieht er die Abrechnung einer Tochter mit ihrem toten Vater sowie ihrem Herkunftsland Bulgarien, und zwar in Form einer ununterbrochenen Suada. Allerdings ist das Buch für ihn nicht nur eine satirische Schilderung einer Familiengeschichte, sondern auch ein Werk, "das das Hässliche auch als politische Signatur eines Jahrhunderts sieht". Die Hässlichkeiten von Stuttgart-Degerloch scheinen hier nichts im Vergleich zu denen, die der Kommunismus in Osteuropa hinterlassen hat. Jandl bescheinigt Lewitscharoff eine Genauigkeit und einen "sprachlichen Furor", die in der deutschen Literatur einzigartig seien.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.03.2009
Zweierlei Lesarten empfiehlt Maike Albath für dieses "erfrischend schräge" Buch. Entweder macht sich der Leser an die Arbeit und entschlüsselt die theologischen Bezüge, die romantische Motivik (gothic!) und das Autobiografische an der Geschichte um zwei Schwestern auf der Suche nach dem väterlichen Ursprung im postsozialistischen Bulgarien. Oder er lehnt sich zurück und genießt. Das Vergnügliche, der Furor des Absurden und Makabren (balkanische Trauerrituale!), die kunstvolle Erzählstruktur und der Takt der von Sibylle Lewitscharow angezettelten Assoziationen reichen allemal aus, gibt Albath zu verstehen, um diesen Roman zu mögen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.02.2009
Mit teilweise großer Begeisterung hat Rezensent Eberhard Falcke diesen Roman gelesen, der so souverän mit der grassierenden Mode des Familienromans spielt. Besonders beeindruckt ihn "der außerordentlich fidele, ja aufgekratzte Ton" mit dem hier das Familienunglück als Posse beschrieben wird; das "kaltblütige Sprachregiment", das alle Trauer kurzerhand in "Schabernack" umzubiegen versteht und Albtraumbilder zu Slapstick-Gags. Den äußeren Rahmen bildet Falckes Informationen zufolge die Reise zweier Schwestern aus Deutschland durch Bulgarien, das Herkunftsland des Vaters, der sich einst erhängte; und dem Eindruck des Rezensenten zufolge hat die Autorin für diesen Roman "kräftig in der Kiste" mit dem Familienstoff gekramt. Der Roman ist nach dem bulgarischen Fahrer benannt, der die Schwestern durch das Vater-Land chauffiert und Sibylle Lewitscharoff lege es nicht auf Analyse oder Aufklärung des Familienunglücks an, sondern auf dessen Aufhebung durch die "Verwandlung ins Komödiantische, Burleske, Groteske". Allerdings hat dieses den Rezensenten grundsätzlich sehr beeindruckende Verfahren auch seinen Preis. Wo nämlich der Stoff so zerzaust werde, zerbrösele mitunter auch sein Gewicht, hätten zartere, "wackelige Empfindungen" keine Chance, so dass der Rezensent dieses furios geschriebene Buch insgesamt "schön und schrecklich, bewundernswert und nervtötend" zugleich findet.
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