Aus dem Französischen von Marc Blankenburg. Der Anthropologe und Anarchist Pierre Clastres widmete sich zeit seines Lebens der Genealogie der Gewalt in primitiven Gesellschaften. In einer Reihe bahnbrechender, bislang nicht ins Deutsche übersetzter Essays entwickelt er die These, dass Stammesgesellschaften Gewalt systematisch praktizieren, gerade um zu verhindern, dass in ihrem Inneren das "kalte Monster" des Staates sich erhebt. Weder ist der Krieg hervorgegangen aus der Jagd (Leroi-Gourhan) noch ist er die Folge einer missglückten Handelsbeziehung (Levi-Strauss). Nein: "Die primitive Gesellschaft ist eine Gesellschaft im permanenten Kriegszustand", nur durch einen dauernden Schwebezustand der Feindschaft lässt sich jedwede politische Fusion verhindern und sich die Autonomie jeder (Klein)Gruppe garantieren.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.07.2008
Der anthropologische Blick auf die Gewalt, den Pierre Clastres in den zwischen 1969 und 1977 entstandenen, jetzt erstmals auf Deutsch vorliegenden Texten vorstellt, erscheint Lutz Lichtenberger nur noch bedingt zeitgemäß. Die Betrachtung von Gewalt als Ausdruck des Willens zur Einebnung von Differenz erhellt ihm bestenfalls das Kalkül des Terrors, der staatliche Strukturen zu verhindern beziehungsweise zu zerstören sucht. Angesichts des heutigen pluralen Verfassungsstaates kommt Lichtenberger Clastres "Verdammung des Staates" verstaubt vor.
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